Eigentlich wollte ich ins Nibelungenviertel und zuvor Čevapi essen. Sucht man nach solchen in anständiger Qualität, dann wird einem rasch und überraschend ein Imbiss in der Lugner-City empfohlen. Ich ziehe das Internet heran (freilich nicht das Ganze), um mich über dieses Lokal, von einem „Szenekoch“ betrieben, zu informieren.
Die Sache ist allerdings ein wenig mysteriös, die Čevapi-Bude ist, je nach benützter App, da und gleichzeitig weg. Ich hoffe, dass Schrödingers Katze letztlich nicht allzu viel mit den „Hundstrümmerl“, wie außer Helmut Qualtinger sie niemand nennen sollte, zu tun haben wird.
STROLLIN‘ THE LUGNER
Der Lokalaugenschein wird das Mysterium auflösen. Ich durchstreife also die „Lugner“ und fühle mich gleich ein wenig wie im Sommerurlaub. Hier geht man offenbar auch im Winter gerne mit Flip-Flops oder rosa Gummischlapfen flanieren, wahlweise mit oder ohne Socken.

(c) F. Kührer-Wielach

(c) F. Kührer-Wielach
Wer hier zu viel will, zum Beispiel zügig vorankommen, liegt falsch. Und trotzdem (oder deswegen?) begegne ich einem überdurchschnittlich hohen Maß an Rücksicht gegenüber Kinderwagenfahrern wie mir.
Drüben in Bobostan, gleich jenseits des einstigen Linienwalls, hätten sie mich schon längst wegen schwerer Körperverletzung eingesperrt, würde ich nicht regelmäßig all jenen Telefonierer:innen und Ignorierer:innen ausweichen, die mir vors Wagerl springen ohne Rinks und Lechts zu sehen.
Vielleicht riskiere ich es einmal, einfach den Kurs zu halten. Darin bräuchten wir ohnehin mehr Übung. Wir Europäer.
BABYLON WIEN
Die Lugner hat ihren eigenen Rhythmus, ein kleines Babylon mitten in Wien, ein spezieller, umfeldbasierter Mikrokosmos. Und gleichzeitig ein Geheimtipp für alle, die ihre Einkäufe von Lebensmitteln über Technik bis hin zu Kleidung an einem Ort sowie unter Dach und Krach erledigen wollen. Oder bei Gelegenheit ein bisschen Bruchgold veräußern möchten.
Wer mag, kann auch eine Runde Hüpfen oder Rutschen gehen. Denn im Herzen der Lugner, quasi am Indoor-Hauptplatz, steht, wenn dort nicht gerade Thai-Boxen angesagt ist oder „Pris-killa“ (© R. Lugner) eine Blaskapelle dirigiert, ein Gummiluftschloss für Junge und Junggebliebene.
Es ist, was es ist: Auf dem Land sind Einkaufszentren die Totengräber der Innenstädte. Für die Lugner aber gilt, hier am Limes zwischen Vorort und Vorstadt, mitten im urbanen Getümmel: was auf manchen befremdlich wirkt, ist manch Fremden ein zuhause.
KULINARISCHE AUFFÄLLIGKEITEN
Auch kulinarisch ist die Lugner bunt und erschwinglich. Auffällig, dass sich hier, im Gegensatz zu allen anderen Filialen in Österreich, sogar bei Subway Kundschaft findet. Ein Umstand, den ich nicht zu interpretieren im Stande bin. Manches verstehe ich halt nicht, so wie den Stand, an dem man Kukuruzkörner zum Löffeln verkauft.
Man macht sich hier nicht immer die Mühe, verkopfte Geschäftsnamen zu finden. So ist Wurstico einfach ein Abholmarkt für Fleischprodukte. Und keine Figur aus einem Nestroystück.
Apropos: der alte Baudegen und namengebende Gründervater dieses Einkaufszentrums ist omnipräsent. Auch auf Plakaten und Hinweisschildern und ich rätsle, ob es sich um Karikaturen handelt oder um naturgetreue Zeichnungen. Vielleicht ist das aber in diesem Fall auch ziemlich wurstico.
KEINE ČEVERL, SO EIN SCHMARRN
Dann die Enttäuschung: Schrödingers Čevapibude ist Vergangenheit. Aber es gibt Hoffnung. Hier soll eine Kaiserschmarrn-Verabreichungsstation entstehen. Auf dem Logo von „Kaiser’s“ prangt aber Mozart. Die Hoffnung sinkt rapide.
Für heute gebe ich auf. Die Nibelungen können warten. Ich rolle mit der Kleinen ins benachbarte Café Weidinger.
WEIDINGER
Auch wenn die große Uhr über dem Eingangsbereich des Café Weidinger entgegen der Erwartung ein paar Minuten vor geht: hier ist die Zeit stehengeblieben. Und auch die dottergelben Vorhänge würden wohl stehen bleiben, nähme man sie ab.
In den riesigen Kaffeehausfenstern Neonröhren, die Bezüge in einem beruhigenden Stahlblau, die Decke in Gold gestrichen. Vorne gibt es am Abend noch Tarockrunden, hinten spielt man Billard und selbstverständlich wurde hier früher niemals Stoß gespielt, wie Zeitzeugen auch gar nicht behaupten.

Café Weidinger vulgo Time Travel Vienna
(c) F. Kührer-Wielach
MÄNNERDUTTS UND SCHNAUZER
Und doch findet sich hier mittlerweile auch das ganz andere Publikum ein. Es wird, zumindest nachmittags, viel Englisch gesprochen. Die Älteren unter den Jüngeren tragen einen altmodischen Männerdutt, die Jüngeren den unvermeidlichen Moustache.
Manche Männer sehen aus wie Reinhold Messner. Die Frauen nicht. Ich habe mir zur Tarnung Sportschuhe angezogen, aber hier tragen gefühlt alle Waldviertler. Ich fühle mich ertappt und setze meine Haube auf, um mich zu assimilieren.
PFEFFERT MAN DIE WURST?
Wir bestellen ein Paar Frankfurter und dazu einen Spritzwein, weil es das Fassbier nur als Krügerl gibt. Seidl gibt’s nur in der Flasche. Strange old world. Dazu serviert der Kellner eine Scheibe Brot und auf meine Bestellung hin Kren in einer kleinen Glasschüssel.
Auf Nachfrage bekomme ich Senf und als wunderlich-überraschende Dreingabe finden sich auf dem Tablett auch Salz, Pfeffer und Paprika im Streuer. Ich werde nachdenklich, denn mir will nicht einfallen, was ich damit machen soll.
Salzt man das – im Übrigen ausgezeichnete – Brot? Pfeffert man die Wurst? Um nicht weiter aufzufallen oder gar undankbar zu erscheinen, entscheide ich mich dafür, den Kren ein wenig zu paprizieren. Wurst und Brot lasse ich, wie sie sind, um sie mit der Mitesserin teilen zu können.

(c) F. Kührer-Wielach


KOSTEN: EUR 10, davon EUR 0,50 für den Kren.
BENOTUNG:
Geschmack: 3,5 von 5 klassische Sternen
Atmosphäre: 5 von 5 shabbyschicke Tarockkarten
Kulinarische Kakanizität: 3 von 5 Wurstico-nen
Soziokult: gentrifizierungsgefährdet
Toilette: Verdacht auf geheimen Zugang zur Unterwelt

(c) F. Kührer-Wielach

(c) F. Kührer-Wielach

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Die Mitesserin beschäftigt sich derweil mit den gusseisernen Kleiderständern, die sich in die Höhe recken, als hätte da eine Göttin Eisen wachsen lassen, um den goldenen Himmel mit den grauen Laminatwellen zu verschrauben. Damit diese kleine neon-, dotter- und nikotingelbe, stahlgraublaue Welt, dieses gemächlich aber unaufhaltsam dahinevolvierende Biotop noch lange so wird wie es immer schon gewesen zu sein scheint. Patent No. 136863 steht auf dem Ständerfuß.
Der Weg ist kurz, vom Ikonischen zum Ironischen.
Durch die regennassen Scheiben schimmern die Lichter der Lugner.
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