DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

Die Weißen Nierndl und ihr Rotes Wien // StrollingKin #5

Ein Tag kann kaum besser werden, wenn er schon mit einem warmen Rinderknochenmarkbrot beginnt. Ich versuche es trotzdem und mache mich gemeinsam mit der Mitesserin auf den relativ langen Weg zum Möslinger ins Stuwerviertel, einst Lebensraum gesellschaftlicher Randgruppen, heute aber ein immer hübscher werdendes Wiener Urquartier.

Der hat im Moment seine Innereienwochen und damit eine der besten Nose-to-Tail-Karten, die es im verbowlten, versmoothieten Wien zu finden gibt. 

Ich setze also über den Donaukanal, durchquere die Mazzesinsel – Schmelzkäsegasse, Kleine und Große Möhrengasse, Weintraubengasse –, und schaue von unten der Taube ins „Auge“, die gerade dem Säulenheiligen Admiral Tegethoff auf den Kopf kleckert.

Taubenkobel Tegethoff
(c) F. Kührer-Wielach

SINNLOSER HUMMER

Eine dieser unendlich langen, sinnlosen Hummer-Limousinen fährt vorbei. Ich denke zwar nicht an Meeresfrüchte, sehe mich aber veranlasst, die auf der Website angekündigten Stierhoden als Hauptmahlzeit in Betracht zu ziehen.

Ich überwinde den Praterstern und wandere durch die Venediger Au, um mich recht bald im Gasthaus Möslinger einzufinden. Von außen unscheinbar, erweist es sich gleich auf den ersten Blick als tadelloses Wirtshaus mit angenehmer Atmosphäre.

SCHWEMM!

Der Schankraum verfügt, in Wien leider selten geworden, über eine wunderschöne Kühlanlage der Firma Rosa und eine ordentliche „Schwemm‘“, wie man in Bayern sagen würde, an der man gewiss auch sehr unterhaltsame Abende verbringen kann. Heute „nur“ mehr eine freistehende Theke, wurde an solchen Plätzen früher das Gesinde bewirtet. „Schwemme“ hieß das, weil da

„wars halt so, dass schon mal untern Tisch bieselt worn is. Und dann hat die Bedienung mit am Eimer Wasser wieder rausgspült. Und deswegen halt der Name Schwemm. Und bei uns sieht mans: Da is noch a Steinboden in der Schwemm und in den anderen Gaststuben is a Holzboden.“

Erzählt der Wirt vom Kneitinger in Regensburg. (Bei dem es nicht nur großartiges Bier gibt, sondern ebenfalls eine ordentliche Innereienküche, wie ich dank einer Einladung unseres Verlegers Friedrich Pustet weiß.)

Rosa-Schank mit Schwemm
(c) F. Kührer-Wielach

SPAM!

Wir dürfen, begleitet vom freundlichen Kellner, in der Gaststube Platz nehmen, ein gemütlicher Raum mit dunklem Mobiliar, weißen Tischdecken und einem retromäßigen, aber gepflegten brauen Spannteppich. (Nicht zu verwechseln mit dem braunen Spamteppich, der uns eventuell in den kommenden Wahlkämpfen blüht.)

Ich entscheide mich für eine Gebackene Leberknödel als primo piatto und tatsächlich für die „Weißen Nierndl“ als secundo. Weiße Nierndl, aus dem Französischem geholt („Rognons blancs“), sagt man mitunter zu Stierhoden.

Eine der zwei Gaststuben
(c) F. Kührer-Wielach

PRÄRIEAUSTERN

In den USA euphemiert man dieses Gericht auch gerne mit den Begriffen „Prärieaustern“ oder „Rocky Mountain Oysters“. Ein bestimmter Präsidentschaftskandidat soll laut Selbstauskunft über solche verfügen, da drüben.

Grundsätzlich bezweifle ich jedoch, dass der Fanclub dieses Gerichtes automatisch größer wird, nur weil man die Eier nicht beim Namen nennt. (Eiernockerl wiederum halte ich für eine Tautologie.)

Der Kellner hebt die Augenbraue, als ich bestelle; aber auf die gute Art.

Da die Mitesserin zunehmend das obligate „Glaserl“ verweigert und sich mittlerweile selbst füttern möchte, kriegt sie ein schönes Serviettenknödel. (Das sich, wie hier beim Mösinger richtig gemacht, durchaus vom normalen Semmelknödel unterscheidet.)

Private Soziale Bewegung: Knödel statt Reiscracker!
(c) F. Kührer-Wielach

Ich: ein Seidl vom sowieso besten Bier der Welt, ein Helles vom Schremser. So wie hier überhaupt sehr vieles, auch eine Reihe von weiteren Fassbieren, aus dem Waldviertel kommt.

#schremsermoment
(c) F. Kührer-Wielach

VON DER WIEGE BIS ZUM TAIL

Die beiden Damen am Tisch gegenüber offensichtlich nicht. Sie beweisen jedoch mit ihrer Optik und Akustik, dass es sich hier nicht nur um ein „Nose-to-Tail“-Lokal, sondern auch um ein Von-der-Wiege-bis-zur-Bahre-Wirtshaus handelt.

Eine Freud‘ haben die beiden mit dem Essen! Da gibt’s dann, nach langen, auch gesundheitsbezogenen Beratungen doch ein „Schnitzerl“ und dazu, bittscheen, einen Mayonnaisesalat, aber „ein bissl einen Grünen“ mag sie schon auch dazu. Wegen der Blutwerte, nehme ich an.

LEBERPARTY, BACKBAR GUT

Ich widme mich derweil dem gebackenen Leberknödel, das mit einem Salatbukett daherkommt, quasi das Memento mori zum köstlichen Wiener Organ-Arancini.

Die Balsamicoreduktionsschlieren auf Knödel und Teller sind mir schon ein bisschen zu viel Blingbling, aber das Süßsauer auf dem Teller macht vielleicht erst das spezifisch wienerisch Waldviertler Hybrid aus. Ansonsten: backbares, pures Glück in der Panier. Leber Party, soz.

Veredeltes Leberknödel
(c) F. Kührer-Wielach

Den Reiscracker, den ich der Mitesserin zwischendurch andrehen will, ersticht sie kaltblütig mit der Gabel und schießt ihn mir zurück. Ich kann es verstehen.

Wir bestellen eine zweite Scheibe vom Serviettenknödel.

ROLLIERENDE GESPRÄCHE AM NEBENTISCH

Die Damen vis-a-vis, eine mit, eine ohne Rollator, unterhalten sich derweil über eine bettlägerige Bekannte, der die Pflegerinnen angeblich regelmäßig das Geschirr stehlen. Ich stelle mir kurz vor, wie die Bettlägerige sich nächtens aus dem Bett schleicht, um heimlich ihre Silberlöffel zu zählen.

Die ohne Rollator erzählt dann noch, ansatzlos, vom Burli, der auch aus irgendeinem Grund kein Besteck zuhause gehabt hat und sich das „so“ besorgt hat. Das ist dann freilich was anderes.

ICH BLEIBE AM BALL

Und dann kommen sie: die Weißen Nierndl. Ich habe die kleinere Portion bestellt, was sich aber offenbar nicht auf die Größe derselben niederschlägt. Auf dem Teller finden sich vier wunderbar panierte und ordentlich gebackene Schnitzel vom Stierhoden.

Die charakteristische Gummiartigkeit hält sich nicht nur in Grenzen, im Gegenteil: das hat Biss, macht Freude. Die dazu gereichte Sauce Tartar ist fast überflüssig, das Ganze funktioniert pur genauso gut.

Eine Freude machen auch die Petersilerdäpfel, die mir der Kellner dazu empfohlen hat, nicht nur, weil sie nach ordentlichen Erdäpfeln schmecken, sondern auch so heißen dürfen. Und nicht Kartoffeln. Oder Quinoa.

Weiße Nierndl vulgo Prärieaustern
(c) F. Kührer-Wielach

FLÜSSIGES OBST FÜR DIE DAMEN

Die Damen am anderen Tisch sind inzwischen bei den Überlegungen zur Nachspeise angelangt. Sie fragen nach gebackenen Apfelspalten, der vielleicht edelsten Form Vitamine zu sich zu nehmen. Die gibt es aber erst zur Fischkarte im Februar.

Man entscheidet sich für eine andere Art der Früchtetransformation: „Wir kenntn uns jo a Achterl genehmigen.“ Einen Roten! Dazu je ein Wiener Schokolade Küchlein, weil „das andere“ darf man dazu ja nicht mehr sagen, Stichwort Möhrengasse.

„Essn is wos scheens“, sinniert die mit dem Rollator. Und: „Waumma des a nimma kau…“ Ihr Mann ist schon gestorben. Die Krautfleckerl kocht sie aber trotzdem noch gern für sich selbst, gestern zum Beispiel.

Die Damen tanzen es uns vor: Aging is just another word for nothing left to lose.

Zum Abschluss gibt es einen Espresso. Wir verlassen den Möslinger zufrieden und nehmen uns vor, bei nächster Gelegenheit die Hirnpofesensuppe, das Bruckfleisch und das Rahmherz zu kosten.

KOSTEN: EUR 40 inkl. Trinkgeld.
Kartenzahlung möglich.

BENOTUNG:

Geschmack: 4,5 von 5 verlorenen Eiern
Atmosphäre: 4,5 von 5 Regenbögen
Kulinarische Kakanizität: 4,5 Noses von 5 Tails
Soziokult: all age, all genders, all classes
Toilette: durchschnittlich, wäre da nicht die umfassende Sammlung von Pflegeprodukten und ein Foto vom Schokoküchlein

ALTERNATIVE BEURTEILUNG:

Liebe Wirte und Köche, fein ist es bei euch. Und gut, dass ihr mit Innereien nicht nur Leber und Lunge meint, sondern ein breiteres Angebot habt. Man merkt, dass da viel Hirnschmalz in die Karte gesteckt wurde.

Die Atmosphäre passt zur Gegend: es zeigt sich ein ohnehin völlig unterschätztes Stuwerviertel von der besten Seite. Ein Wirtshaus, das jeder Prüfung auf Herz und Nieren standhält.

Ein Leberknödel öffnet sein Herz.
(c) F. Kührer-Wielach

MAX WINTERS QUARTIER

Parallel zur Möslingerstraße öffnet sich uns der Max Winter-Platz, benannt nach dem 1870 im ungarischen Tárnok geborenen, einst berühmten Journalisten und Politiker, der als der Erfinder der modernen Sozialreportage gilt.

In den ersten Jahren des Roten Wien war Max Winter sogar Vizebürgermeister. Später hat ihn dann der Ständestaat ins amerikanische Exil gezwungen. Heute würde man ihn wohl nach Brüssel schicken.

Wer seine Reportagen, von denen es viele Hunderte gibt, liest, kann den Siegeszug der Sozialdemokratie besser nachvollziehen. 1937 starb er verarmt in Hollywood, durfte aber in Wien begraben werden.

Sozialreporter Max Winter, als Clochard verkleidet im Zuge seiner Reportage für die Arbeiter-Zeitung über „Strotter“ im Jahre 1902 (gemeinfrei)

MERK- UND DENKWÜRDIGKEITEN

Drei Einrichtungen am Max Winter-Platz sind nach ihm benannt: eine Schule, eine Ferienwohnung und ein Laufhaus. Alles im Verfassungsbogen.

Im Park hinter der Schule, wo auch sein Denkmal steht, ist es ruhig. Hier findet sich zudem ein zweites Denkmal: jenes der Hausgehilfin Margarete Manhardt (1906–1926), die in der Nähe ihr Leben bei der Rettung zweier Kinder verlor. Die „Heldin der einfachen Leute“ ist von einer herannahenden Bierkutsche getötet worden.

Irgendwie hatte ich an diesem Ort mit mehr Max Winter’schen Gestalten gerechnet. Ein einsamer Betrunkener, der mit Dosen um sich wirft, rettet meine Phantasie ein Stück weit.

Wir verlassen das Stuwerviertel über die Lasallestraße, an der Joseph Roth-Straße vorbei, Richtung „Stadt“.

DIE MUMIE IST ZU OPTIMISTISCH

Max Winter hat auch über die Verhältnisse der Arbeiterschaft im Waldviertel geschrieben, über die Weberfamilien und über die Waidhofener Sengstschmiede, aber auch über das Krahuletz-Museum in Eggenburg. Festgehalten hat das Hannes Haas in „Das Waldviertel“, Jg. 1989, Heft 2.

Winters einziger Roman, „Die lebende Mumie“ (1932), scheint bemerkenswert: ein Mann fällt 1925 in Tiefschlaf und erwacht 100 Jahr später in einer Welt, die keinen Hunger, keine Not und keine Unterdrückung kennt. Europa ist vereint und in jedem Wohnzimmer steht ein Fernseher.

Zumindest letzteres haben wir erreicht. Für den Rest stünden uns, ginge es nach Winters Mumie, noch zwei Jahre zur Verfügung.

Hätte ich die Wahl, ich würde wohl doch wieder die Weißen Nierndl wählen.

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Eine Antwort zu „Die Weißen Nierndl und ihr Rotes Wien // StrollingKin #5“

  1. Avatar von Von schlafenden Pferden und zarten Zungen // Strolling Kin #12 – DIE MITTE

    […] letzten irdischen Weg als „armer Sünder“ ging. Ob ihn der Journalist und spätere Stadtrat Max Winter in einen seiner Sozialreportagen erwähnt hat? Dessen Grab ist auch hier. Neben im liegt eine […]

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