DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

Freude und Räude: Flanieren im zeitgeisteiner Talkessel // StrollingKin #22 – holiday special 4

Specktakulär
(c) F. Kührer-Wielach

Die is auf zack, die kannst dir behalten, meint der Mann, der aus dem Fenster des kleinen Häuschens schaut, bei dem wir die Straßenbenützungsgebühr Richtung Sportgastein bezahlen. Die beste Mitesserin von allen hatte das Geld schon vorab hergerichtet, auf den Cent genau. Freilich, denke ich mir, recht hat er, ich behalt sie mir, auch wenn ich das nicht unbedingt mit ihrem Talent begründen würde, Kleingeld fehlerfrei abzuzählen.

GASTEINER MUTATIONEN

Nach Dorfgastein, Bad Hofgastein, Bad Gastein nun also der Talkessel ganz hinten im Gasteinertal, diese Mutation nennt sich bekanntlich Sportgastein. Der Name stammt vermutlich nicht aus der Römerzeit. Vom sonnenbeschirmten Valeriehaus, das gleich neben dem Parkplatz steht, wo die aufgereihten Autos selbst in die berauschend schöne Landschaft zu blicken scheinen, tönt durchschnittliche, mittellaute Popmusik.

Blick in die Landschaft. Über allen Hütten wehen Fahnen, so wie man es noch vor ein paar Jahrzehnten kannte, wenn Feiertag war. Aber hier sind es halt Fahnen der Stiegl-Brauerei, was eher auf feudal-feuchte Verhältnisse hindeutet. Überhaupt scheint das hier ein gleichzeitig zeitloser und zeitgeistiger Ort zu sein. Zeitgeistein halt.

ERINNERUNG AN DIE MONGOLEI

Davon und anderem abgesehen schaut es hier aus wie in der Mongolei. So wie ich sie vor einigen Jahren kennengelernt habe: eine karge, schroffhügelige bis grünbergige Landschaft, einöd, romantisch, beeindruckend, drückend, irgendwie, wie an ein Ende des Erdenrunds konstruiert. Hier fehlt nur die Jurte. Und die Golfanlage, die sich zwei bis drei Pferdeapfelwürfe entfernt von unserem Jurtenlager befunden hat. Im Nachbarzelt haben Deutsche übernachtet, die uns besuchen gekommen sind und nach Schnaps gefragt haben.

DEMOKRATISCHE ZUSTÄNDE

Sportgastein hat am Kesselrand fast so gute Wege wie wir sie damals in der Mongolei vorgefunden haben, schön flach auch, in den Kessel hinein, sodass sich mir die Frage stellt: Ist das noch Wandern oder schon Flanieren?

Trotzdem möchte der Großteil der Menschen, die hierher kommen, offensichtlich als Wanderer gelesen werden, zünftig und sommerfrisch, unabhängig vom Schuhwerk, das hier mehrere, zu Kategorien zusammenfassbare Qualitäten kennt: Highend-Himalayabesteigungsgoiserer für die einen, Gummischlapfen für die anderen. Mit unseren gewöhnlichen Sportschuhen fallen wir in eine dritte Gruppe, die insgesamt eher unauffällig daherkommt.

Also, demokratische Zustände hier, und Platz für alle: für die Wolfskin-Träger einerseits und andererseits für Wiener:innen, die, offenbar leicht frischluftdeppert, büschelweise Arnikablüten abreißen und in ein Plastiksackerl stopfen. Sie werden dafür von zünftigen Indigenen beschimpft. Hundehalter, die von ihren Hunden an der Leine zogen werden. Selbst für die Rollator-Oma geht es sich hier aus. Nämlich geradeaus. Und natürlich für den Kinderwagen der Mitesserin.

SUSPENSE MIT DER GÄMS

Gamsräudegebiet! Ansteckungsgefahr! warnt uns ein Schild. Hunde an die Leine! Die Gefahr jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Von wegen bieder und harmlos. Es laufen womöglich lebensgefährliche Gämsen herum, die gewiss noch ein wenig aggressiver sind, seit sie mit Umlaut geschrieben werden. Zum Beispiel von Hitchcock. Suspense! Da kommt Räude auf!

Als uns dann wenig später ein paar Ziegen entgegenlaufen, kriege ich kurz Panik, aber nur, bis mir einfällt, dass Gämsen was anderes als Ziegen sind, zumindest wenn man auf die Details achtet. Apropos frischluftdeppert.

AUSRASTEN AUF DER ALM

Wir machen, man kann sagen: traditionellerweise bei der Nassfeldalm Pause, gleich ein paar hundert Meter vom Parkplatz entfernt. Denn jetzt gibt es hier noch freie Tische. Später, wenn dann die Wolfskin-Rudel aus der Gamsräudekampfzone zurückkehren, wird hier alles voller Helden sein.

Wir nehmen also unter einer Stieglfahne Platz. Wir freuen uns auf die Brettljause. So sehr, dass wir tatsächlich zwei Portionen bestellen. Üppige Portionen. Wir beruhigen uns mit dem Gedanken, dass die kleine Mitesserin uns beim Verputzen hilft. Hier ist man freundlich zu den Menschen, auch wenn man es gar nicht nötig hätte. Und man ist als Genossenschaft organisiert.

&HAUSBROT

Also: Dreierlei Speck und zweierlei hausgemachter Käse, Hartwurst, Streichwurst, Aufstriche, Grammelschmalz. Hausbrot. Oder: Fett, Salz, Laktose, Kohlehydrate. Für manche schlimmer als Gamsräude. Eh auch Gurke, Gurkerl, Paradeiser, Sprossen. Für mich ein schlichtes wie himmlisches Vergnügen.

Der größere der beiden kleinen Mitesser möchte lieber einen Toast, aber immerhin ist da der hausgemachte Käse drin. Eine Flasche Orangenkracherl von Keli dazu. Anschließend gibt es zwei schöne Nachspeisen, einen Milchrahmstrudel mit heißen Himbeeren, Schlagobers und bunten Streusel und einen Karottenkuchen mit Schlagobers und bunten Streusel. Raffiniert verarbeitet, der Zucker.

Kosten: knapp über 50 Euro für das alles und noch zwei Bissl mehr, die wir uns einpacken

BENOTUNG

Geschmack: 5 von 5 Milchrahmkannen
Atmosphäre: 4,5 von 5 Gamsbartrasierpinsel
Kulinarische Kakanizität: 3,5 von 5, weil eher schon alpine Kulinarik und Salzburg spät habsburgisch wurde
Soziokult: Flachländer und Bergländer, Wolfshautträger, gesunde Ziegen und räudige Gämsen, Wiener und Warschauer, kaum Mongolen
Toilette: auf dem Weg dahin hängt ein Rezept für Kaspressknödel und man kann Käse, Saft und Marmelade kaufen

Es ist eine schöne Mittagspause, die wir früh begonnen haben, und wir beenden sie spät, machen noch ein paar Schritt nach hinten ins Tal, sehen einen Wasserfall, Kühe, nochmal Ziegen und ausdifferenziert beschuhte Flaneure, die sich hier im sportgasteiner Talkessel ein paar Momente der Rekreation verschaffen.

Rückweg. Die Sonne wirft ein spätsommerlich tiefes Licht auf den verlassenen Schilift. Ich putze den Reifen des Kinderwagens. Bin offenbar durch Exkremente gerollt. Kein Kuhfladen, kein Ziegenbemmerl. Auch keine Gämsenbämmerl. Es war ein Hundstrümmerl. Vienna calling.

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