DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

Maggic Kaisermühlen: Trennkost im Straßenbahnerbad // StrollingKin #20

Trennkost
(c) F. Kührer-Wielach

Transdanubien also. Wer bei der UNO-City Richtung Osten abbiegt, der landet auf der Schüttaustraße und steht bald vor dem Goethe-Hof. Jenem legendären Gemeindebau, der eine wichtige Rolle im noch legendäreren Kaisermühlenblues spielt.

Auch wenn die Gemeindebauszenen eigentlich im Schüttau-Hof gedreht wurden – aber welcher Drehbuchautor will schon auf die Pointe verzichten, die Pappalatur einer Turecek und einer Koziber in den Gemäuern eines nach dem großen deutschen Dichter benannten Wohnbaus erschallen zu lassen?

Vor dem Goethe-Hof steht ein Maibaum, Grätzl-Feeling, da kommt Freude auf. Aber auch Trauer: Vor einem unscheinbaren Lokal steht ein Tisch, ein Bild mit schwarzer Schlaufe, Kerzen. Hier ist jemand gestorben, und man kennt ihn beim Namen. In Kaisermühlen ist offenbar nicht jeder nur eine Nummer. (Ausgenommen der Fünfer-Franzi, aber der will es ja nicht anders.)

SCHNITZEL-EXKURS

Wie schlendern die Schüttaustraße weiter, hier gibt es zwar kein Schnitzelplatzl, wie es die rotblonde Turecek und ihr grauschwarzer Bezirksrat Schoitl in der TV-Serie betrieben haben, aber immerhin ein „Wiener Schnitz‘l Land“. Wobei mir das zumindest en passant wie eine Tautologie vorkommen, denn was soll das Wiener Land denn sonst sein als ein einziges großes Schnitzelland?

Unterteilt man die Stadt jetzt nach typischen Speisen? Grätzlgröstl? Quargelquartier? Immerhin müsste sich Transdanubien dann von gemeinen Spaßvögeln nicht mehr Mordor nennen lassen. Trotzdem: Schnitzelland, das wäre eher der Überbegriff, vielleicht analog zu Donauland. Wobei: So ein Schnitzelabo, das wäre was. „Paniergenossenschaft Schnitzelland“ … aber ich fürchte, ich schweife ab.

DAS DORF AUF DER HALBINSEL

Zurück nach Kaisermühlen, das uns, mit einer halbinselartigen Lage, eingebettet zwischen den Wassern der Alten und der Neuen Donau, tatsächlich wie ein Dorf begegnet. Der Schüttauplatz öffnet sich uns und präsentiert sich mit seiner Herz-Jesu Basilika von der schönsten Seite. Beim Kirchenwirten sitzen schon die ersten Kunden, die fast ausnahmslos wie eine Kopie des Kronenzeitung-Soziologen Roland Girtler aussehen.

Nur der Glockenturm, der ist aus der Nachkriegszeit, womit fast alles gesagt ist. Kein Wunder, dass die Bezirksräte Gneisser und Schoitl schon in einer der ersten Staffeln einen neuen Campanile errichten wollen. Obwohl sie selbst Betonköpfe sind. (Und, ganz im Gegenteil, gleichzeitig völlig weich in der Birne.)

Wir drehen eine Runde in der schönen Kirche, deren Atmosphäre tatsächlich an italienische Verhältnisse erinnert. Wien ist auch vorhanden, in Form eines Lueger-Denkmals. Und ganz hinten rechts sitzt eine Frau, still in sich versunken. Eine Taube zieht unter den Gewölben ihre Kreise, sie ist grau, also doch nicht der Heilige Geist, den man selbstverständlich auch in der Kaisermühlner Herz-Jesu-Kirche suchen sollte.

DER ERSTE JEDERMANN

Die Uhr im Betonturm schlägt 12. Es ist Zeit für das Mittagessen, wie auch die Mitesserin anmerkt. Wir verlassen den Schüttauplatz quasi hintaus, über die Moissigasse, benannt nach Alexander Moissi, der dort auf der Wiese auch eine Büste hat. Und ein typisch österreichisches Schicksal.

1879 im österreichischen Triest als Sohn eines albanischen Kaufmanns und einer Arbëreshe geboren, vom Komparsen zum bejubelten Superstar gemausert, ein Weltstar mit italienischem Akzent, spielt in Ibsens Gespenstern, in Tolstois Lebendem Leichnam, Hoffmannsthals allererstem Jedermann. Morbid seine Engagements, sein Schauspiel bald zu altmodisch. Am Totenbett erreichen ihn die Angebote Italiens und Albaniens, jeweils Staatsbürger dieser Länder zu werden. Seine Körperlichkeit aber endete in der Feuerhalle Simmering. Auf der Urne liegt der Iffland-Ring, zu spät.

DIE BEIDEN GÄNSEHÄUFELN

Wir machen kurze Referenz beim Tor am Steg zum Gänsehäufel, dem wahrscheinlich legendärsten Strandbad Österreichs, ach was sag‘ ich: Mitteleuropas. Und legendäre Orte heißen in Wien nun einmal nicht Hell’s Kitchen, Montmartre oder Engelsburg, sondern Steffl wie der Dom, Krauthappel wie die Sezession oder eben Gänsehäufel wie das Gänsehäufel.

Wir trauen uns aber nicht über diese Brücke zu gehen, wer weiß, was uns dort auf der Insel, die sich eigentlich „Großes Gänsehäufel“ nennt, erwartet. Wir nehmen die nächste Brücke über den Seitenarm der Alten Donau, den Polizeisteg und werden uns mit dem „Kleinen Gänsehäufel“ begnügen.

ZUM STRASSENBAHNERBAD

Hier, mitten auf dem Steg, wo Gneisser und Schoitl parteiübergreifend ihre besten (und damit noch lang nicht guten) Ideen ausgeheckt haben, offenbart sich uns wieder einmal die facettenreiche Schönheit dieser seltsamen Stadt: über uns ein blauer Himmel voll mit Wolkenschiffen, unter uns das leicht bewegte Kaiserwasser, wo einst die namensgebenden Kaisermühlen ihre Arbeit verrichteten, die Wellen durchschnitten von ein paar wenigen Booten, die auch heute noch vom einen oder anderen Schoitl gelenkt werden.

Vorbei an den Polizeisportanlagen und Kleingartenhäuschen rollen wir weiter Richtung Straßenbahnerbad, wo wir unser Mittagessen einnehmen wollen. Denn das Bad, das längst nicht mehr nur den Straßenbahnern vorbehalten ist, verfügt über eine weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannte und geschätzte Kantine.

MITTAGSMENÜ FÜR DIE ZIELGRUPPE

Leistbares Essen, effizient verfügbar gemacht auf dem Wege der Selbstbedienung, einzunehmen in der riesigen Speisehalle oder im schönen, am Wasser gelegenen Gastgarten. Ein gastronomischer Nahversorger, fest in ungarischer Hand, wie die Arbeitssprache des Personals verrät. Zielgruppe 1 im Vorsommer: Pensionisten.

Es gibt Schweinsbraten mit Knödel als Tagesmenü, ich kann also auf ein intensiveres Studium des reichhaltigen Angebots, das auf dicht beschriebenen Kreidetafeln nachzulesen ist, verzichten. Vorab gibt es eine Nudelsuppe, der Mitesserin bestelle ich ein Extraknödel.

KIND OF MAGGIC

Die Suppe präsentiert sich lind, hier wird zielgruppengerecht gewürzt. Wir teilen uns die Nudeln. Die Kleine ertappt mich mit der Maggiflasche, ich rede ihr ein, dass das Sojasauce sei, weil wenn es Sojasauce ist, dann darf man das. Ungeachtet der allgemein bekannten Tatsache, dass sowohl Maggi wie Sojasauce aus gepressten Maikäferinnen und Maikäfern gewonnen werden. It’s a kind of maggic.

Die Knödel kommen dann ein wenig platt daher, was den großen Vorteil hat, dass sie nicht vom Teller rollen können. Ein Traum: Die fette Schnitte vom Schweinsbraten. (Das klingt jetzt wie eine handfeste Beleidigung aus dem altwiener Schimpfwortrepertoire, ist aber nur gut gemeint.) Die Mitesserin versucht die knusprige Kruste zu knacken, aber dafür reichen die paar Zähne dann doch noch nicht. Meine schon noch.

TELLERFACHSIMPEL

Besonders hervorzuheben ist das Mittagstischgeschirr, diese von mir so gern gemochten Teller, die sich in ein großes Hauptfach für Fleisch, Knödel, Kaiserschmarrn oder ähnliches, und ein kleines Nebenfach für mehr oder weniger gesunde Beilagen wie Mayonnaisesalat oder Zwetschgenröster teilen.

In unserem Fall ist das ein angenehm süßlicher Krautsalat, wie man ihn südlich des Semmerings, im alten Innerösterreich, nicht mehr so gerne mag, ich aber schon. Die haben hoffentlich Süßstoff verwendet, denk ich mir, und spähe verstohlen auf die Hauptzielgruppenvertreterinnen am Nebentisch.

Kosten: 11,30 Euro für eine zweigängiges Mittagsmenü, Zweitknödel und großem Getränk (ehrlich)

BENOTUNG

Geschmack: 3,5 von 5 Plastikkochfiguren, plus 0,5 Bonus für das Preis-Leistungs-Verhältnis
Atmosphäre: 4,0 von 5 Gartensessel
Kulinarische Kakanizität: 4,5 von 5 ungarische Forint
Soziokult: in der Vorsaison die transdanubischen Senioren
Toilette: mit eigenem Wickelraum!

LIVE IS LIVE

Auf dem Klo spielt es österreichische Hadern. Einmal Wickeln mit Inhalt dauert genau so lange wie „Live is live“ von Opus, eine von mehreren Bands aus den innerösterreichischen Kürbiskernlanden, die vor allem in der Vorwendezeit reüssiert haben. Die Scheibe ist noch älter als der Kaisermühlenblues, aber jünger als der Mundl Sackbauer, immerhin.

Wir lassen uns noch kurz die sanfte Kaiserwetterbrise um die Ohren wehen und verlassen das vielleicht schönste Badebuffet Mitteleuropas. Auf dem Badegelände dürfen wir eine Frau beobachten, die sich Gänseblümchen in den Mund steckt, in der anderen Hand hält sie einen ganzen Blumenstrauß, wer weiß, was die noch vor hat heute. Ich überlege, ihr dazu ein Flascherl Maggi zu empfehlen.

AM KRAUTGARTEN

Der Geheime Garten (c) F. Kührer-Wielach

Das Kaisermühlner Kernland, das wir noch einmal über den Polizeisteg betreten haben, verlassen wir über den Damm, der die Neue Donau davon abhält, die Halbinsel zu überschwemmen. Uns offenbart sich ungeahnter Weise ein idyllischer Krautgarten, ein Elysium am inneren Rand der Stadt, mit Holzzaun und Weinranken, als wäre hier nichts als Landschaft und Wasser.

Radfahrer begegnen sich, und sie reden wie die Kaisermühlner im Fernsehen.

– Kumm, Karli, gemma no wo hi?
– Zum Pferdefleischhauer, auf a Bier.
– Naaa, i mog liaba a Eis ois wiran Lebakas.

Nicht alles ist hier so wie früher.
Aber es ist noch immer Kaisermühlen.
It’s a kind of maggic.

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