DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

A Prückel over Troubled Water // StrollingKin #18

Die Zweierlinie heißt so, weil da einmal die Straßenbahn Nummer 2 gefahren ist. Noch früher hieß sie Lastenstraße, denn dafür ist sie errichtet worden, parallel zur Ringstraße, am äußeren Rand des einstigen Glacis, als Wien den mittelalterlichen Festungscharakter gegen den Prunk der Gründerzeit getauscht hat. Hier auf der Lastenstraße verkehrten einst die Bierkutscher und die k.u.k. Hoflieferanten, sofern sie ihre Geschäfte und Fabriken nicht ohnehin in der „Stadt“ hatten. Der Ring mit seinen Prachtbauten wurde auf diese Weise entlastet und die promenierende Prominenz fühlte sich vom Güterverkehr nicht gestört. Wien entlastet halt gerne: der Ring hat seine Zweierlinie, die Donau ihr Entlastungsgerinne, der Wiener seinen Wienerwald. Und wenn es denn nottut, lässt sich auch immer eine entlastende Zeugenaussage auftreiben.

(c) F. Kührer-Wielach

1A-BESUCHENSWÜRDIGKEITEN

Aber zurück auf die Zweierlinie. Die ist nämlich viel mehr als der Güterweg der Ringstraße. Ihr Angebot ist interessanter als die – wenngleich prächtige – Eintönigkeit der Ringstraße. Wir flanieren, vom Landesgericht kommend, am Museumsquartier vorbei, den Getreidemarkt hinunter, lassen die Secession rechts liegen, kommen auf den Karlsplatz. Der ist bekanntlich ein wenig verbaut und zerfleddert, aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Karlskirche, Technische Universität, Musikverein und nicht zuletzt das äußerst gelungen renovierte und erweiterte Wienmuseum prägen die Gegend.

AKADEMISCHES GYMNASIUM

Inmitten eines Rudels Chinesen lassen wir uns weitertreiben und landen beim Akademischen Gymnasium. Der Backsteinbau hat denselben Architekten wie das Rathaus, Friedrich von Schmidt, der in Wien das Neugotische etabliert hat. Nun ist dieser Stil selbst für aufgeklärte Postromantiker wie mich eine durchaus zweifelhafte Angelegenheit (aufgewärmt ist nur ein Gulasch gut), aber seit ich weiß, dass Paulus Manker das Rathaus hasst, mag ich es eigentlich ganz gerne.

DIE HAUTEVOLÉE MITTELEUROPAS

Das bald fünfhundert Jahre bestehende Akademische Gymnasium erinnert ein wenig an Hogwarts. (Es könnte auch an etwas anderes erinnern, aber man macht heute halt Hogwarts-Vergleiche.) Es wird als elitär wahrgenommen und tatsächlich ist die Liste der Berühmtheiten, die hier die Schulbank (oder sich vor ihr) gedrückt haben, lang.

Wir umrunden das Gebäude und sehen uns die Gedenktafeln an: unter ihnen der Südmährer Tomáš Masaryk, Gründer der Tschechoslowakei und Staatspräsident, der in Lemberg geborene weltberühmte Ökonom Ludwig von Mises, der rumänische Kulturkritiker und Ministerpräsident Titu Maiorescu und die Kernphysikerin Lise Meitner, nur als außerordentliche Hörerin damals. Altenberg, Hoffmannsthal und Schnitzler. Aber auch Arthur Krupp (der mit dem Besteck). Kelsen, Schrödinger, Randhartinger. Eine Tafel erinnert auch an die jüdischen Mitschüler, die die Schule 1938 verlassen mussten.

K.U.K. LABOR

Etwas verloren steht da eine Büste im Grünen neben der Zweierlinie. Es handelt sich um jene Josef Labors, im böhmischen Horowitz geborener Tonkünstler. Früh erblindet ließ er sich nicht vom Musikstudium abhalten, wurde Komponist, k.u.k. Hoforganist und Klavierlehrer. Unter seinen Schülern auch die junge Alma Schindler, die spätere Frau des Stardirigenten Gustav Mahler.

Gleich auf der anderen Seite der einstigen Lastenstraße steht das Wiener Konzerthaus. Rechts vom Entrée erinnert eine Gedenktafel an den deutsch-jüdischen Böhmen Gustav Mahler. (Wir erinnern uns: Der erste offizielle Crush von Alma.) Es ist das erste Denkmal, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien errichtet wurde, gleich im Juni 1945, wenige Wochen nach Kriegsende.

ZEITWEILIG GUTE GEISTER

„Ehrt eure deutschen Meister / dann bannt ihr gute Geister“ steht auf der Fassade des Konzerthauses geschrieben, ein Zitat aus Richard Wagners Meistersingern. Josef Labor scheint seinen Blick aber eher auf jene Bauten zu richten, die die Zweierlinie dann weiter unten dominieren: das InterContinental und das Hilton Vienna Park.

Wie ein Postkartenmotiv aus dem Ostblock der 1960er-Jahre wirkt das Setting, wie es sich uns zwischen grünen Bäumen, blühenden Blumenbeeten und dem blaustrahlenden Himmel bietet. Wir stellen also fest: architektonische Irrwege lassen sich nicht nur auf bestimmte Ideologien schieben.

WRESTLING AUF GSPRITZT

Apropos Brutalismus: hier auf Gelände des Eislaufvereins hat seit der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Neunzigerjahre das legendäre „Catchen am Heumarkt“ stattgefunden. Bei diesen Veranstaltungen unterhielten Profiringer die Massen, mit einer Mischung aus Sportakrobatik und Schaukampf. Zu einer Zeit, als man Wrestling noch für eine Kleinstadt in Bayern hielt.

Vorbei am Intercontinental. „Shaken or stirred“ steht da auf einem Banner, eine Werbung für die einst legendäre hoteleigene Bar. Also: gerührt oder geschüttelt? Gspritzt, antwortet der Wiener.

AM WASSER-GLACIS

Wir rollen beherzt weiter, in den Stadtpark hinein, den ersten öffentlichen Park Wiens, im Zuge des Ringstraßenbaus 1863 angelegt. Dass hier das „Wasser-Glacis“ war, sieht man immer noch, ist der schöne Park doch voller kleiner Gewässer, Lacken und Fontänen.

Da ist zum Beispiel ein Sebastian Kneipp gewidmetes Wasserspiel, unter dessen Büste sich ein Kurgast vergnügt den Popo zu waschen scheint. Eine bislang kaum erforschte Facette der Hydrotherapie.

Weiter geht es vorbei an einem schmucken Weiher, in dem fette Goldfische schwimmen und die kiemenlosen Spaziergänger anglotzen. Wäre die Brühe eine Instantsuppe, könnten sie als Goldaugen arbeiten. Einen besonders schön orange leuchtenden, etwas ironisch aus dem Wasser blickenden Zierkarpfen taufe ich, freilich nur in meinem Kopf, Dr. McKoi, was aber ziemlich daneben ist, zumal der Schiffsarzt der Enterprise eine blaue Uniform trug.

(KEINE) SEHENSWÜRDIGKEITEN

Der Park ist voller Denkmäler, unter anderem steht da eine Büste Anton Bruckners, der heuer seinen 200. Geburtstag feiert. Seinen Blick wendet er Richtung Raiffeisen-Zentrale, durchaus nachvollziehbar, ist er doch ein gebürtiger Oberösterreicher.

Da steht eine Frau mit auf Augenhöhe erhobenem Mobiltelefon. Sie scheint den Jubilar zu filmen, während sie Selbstgespräche führt. Mir wird schnell klar, dass sie eines dieser Videogespräche im Lautsprechermodus führt, bei denen man sich selbst filmt. Für die wir uns in ein paar Jahrzehnten wahrscheinlich selbst auslachen werden. So oder so, ein Blick genügt: Sehenswürdigkeit ist das keine, was sie da filmt.

Wir verlassen den Stadtpark an seinem nordwestlichen Ende. Nur mehr der Ring trennt uns vom Café Prückel.

PRÜCKEL

Das Prückel gibt es seit 120 Jahren und heißt nach seinem dritten Besitzer Wenzel Prückel, der auch das Café Central gegründet hat. Was es von vielen anderen Caféhäusern in Wien unterscheidet, ist die helle, offene Gestaltung, die aus den 1950er-Jahren stammt. Dafür hat man die ursprüngliche Einrichtung Hans Makarts zum Sperrmüll gegeben. (Der hat übrigens auch ein Denkmal im Stadtpark. Der Makart.)

Von Anfang an war das Untergeschoß des Prückel für die abendliche Unterhaltung gedacht: Kegeln, Clubraum, Theater. Während in Deutschland schon die Nazis regierten, konnte die Schauspielerin Stella Kadmon hier noch ihre Kleinkunstbühne „Der liebe Augustin“ betreiben. Unter den Künstlerinnen und Künstlern viele, die vor dem brauen Horden nach Österreich geflohen waren. Erst mit dem Anschluss wurde der Betrieb eingestellt, bald nach dem Krieg aber wieder aufgenommen.

Bis heute ist das Untergeschoß des Prückel ein faszinierender Ort, nicht nur der Kleinkunst wegen, sondern auch, wenn man sonstwie „kleine“, aber auch „große“ Bedürfnisse hat. Dass nur im Damenklo ein Wickeltisch steht, war mir letztlich, wie auch den Damen dort, egal.

DER KÄSEIGEL IST TOT

Der hintere Teil des Prückel wurde in den Achtzigerjahren wieder im Jugendstil hergerichtet, wahrscheinlich aus Protest gegen die Geschmacklosigkeit der Karottenjeans- und Vokuhila-Epoche, aus der David Hasselhoff und das Regietheater in regelmäßigen Dauerwellen über uns hereinbrechen. Nur der Käseigel wurde offensichtlich von einem Lastenrad plattgewalzt.

Hinten im Jugendstil-Flügel finden wir einen Tisch. Zu uns gesellt sich ein großer Mitesser, der hier vor allem zu Studienzeiten verkehrte. (Nur mit der Kellnerin nicht, wegen der offenbar damals einige Gäste gerne vorbeischauten.)

SOULFOOD

Die Kartusche für das Sodawasser, mit dem mein Apfelsaft gespritzt wurde, dürfte noch aus jener Zeit stammen. Er prückelt nur mäßig. Der Mittagsteller aber entpuppt sich als kleine Sensation: Reisfleisch mit grünem Salat, auf meiner Seelengerichts-Liste recht weit oben, und hier im Prückel auch noch in Perfektion zubereitet. Ein Trostessen, wie ich es zum Glück seltener brauche als wahrscheinlich die vielen Ministerialbediensteten, die hier gerne Mittagessen. Eben ein handwerkliches Meisterstück: unprätentiös, auf den Punkt, ausgewogen. Wir stellen fest: dieses Reisfleisch hätte in der aktuellen politischen Arena keine Chance. Einerlei, denn dieser Tagesteller setzt auf Performanz statt auf Diskurs.

Kosten: knapp über EUR 20, angebracht für ein gutes Mittagessen

BENOTUNG

Geschmack: 5 von 5 Geschmacksknospen
Atmosphäre: 4,5 von 5 Jugendstilsesseln
Kulinarische Kakanizität: 4,5 von 5 Ringstraßenbäumen
Soziokult: eher die Einheimischen, ein paar Touristen, ein paar Studenten, Stammpublikum
Toilette: der Zugang wie aus einem Tim Burton-Film, die WCs selbst eher Richtung Ulrich Seidl

Die Mitesserin ist zum Glück zu müde, um mir etwas wegessen zu wollen. Die mümmelt an ihrem mürben Kipferl, um sich bald ins Wagerl zurückzuziehen. So wird uns noch die Zeit für einen kleinen Mokka und ein gutes Gespräch gewährt.

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