DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

Von schlafenden Pferden und zarten Zungen // Strolling Kin #12

Unter der Brücke
(c) F. Kührer-Wielach

Von der ansteigenden Reinprechtsdorfer Straße kommend wirkt die breite Bahntrasse wie eine Mauer aus Beton. Man spürt, dass hier einst der Linienwall verlief, die Grenze zwischen Vorstadt und Vorort.

Vor der „Linie“ hat man den Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf errichtet, nachdem eine Zeitlang Protestanten und Katholiken auf denselben Gottesackern in die Erde gelegt wurden. Mitunter sogar innerhalb der „Linie“, ein Ergebnis der habsburgischen, pragmatischen Toleranz, die auf den katholischen Furor Maria Theresias folgte.

EIN KLEINOD WIENER FRIEDHOFSKULTUR

1858 wurde dieser evangelische Friedhof eingeweiht. Ein übersehenes Kleinod der Wiener Baukultur, vom großen Theophil Hansen gestaltet. Dem hat die Anlage selbst so gefallen, dass er sich dort begraben hat lassen.


Man sieht dem Friedhof mit seiner neobyzantinischen Christuskirche sowohl das Alter wie auch die nach wie vor aktive Nutzung an. Hier liegt ein guter Teil der protestantischen Leistungsträger des alten Wien: k. k. Hofschauspielerinnen, Oberreichsbahnräte und Reichsminister, Ober-Physikräte und Historienmaler, Fleischhauer und natürlich eine Reihe von evangelischen Geistlichen. Viele mit einem „von“ im Namen.

DER BARON VON FAVORITEN

Nur der Herr Karl Baron ist, obwohl er so heißt, kein Adeliger, sondern etwas viel Bedeutsameres: ein Wiener Original. Der Baron-Karl liegt eigentlich erst seit 1995 hier, nachdem seine Gebeine vom Zentralfriedhof in seine Heimat Favoriten remigriert wurden.

Ein Sandler, wie man sagt, also einer, der, dem Begriff nach, sein Geld mit dem Aussandeln der Wienerberger Ziegelformen verdient hat. Ein Stadtstreicher, aber ein legendärer, einer fürs Stadtgespräch und Anekdoten. 1882 im böhmischen Slanik geboren, 1948 von einem Auto überfahren.

Ein Epochenverschlepper erster Güte, der einen Kaiser und zwei Weltkriege miterlebt hat. Bei seinem Begräbnis waren fast so viele Menschen wie 2011, als Otto von Habsburg seinen letzten irdischen Weg als „armer Sünder“ ging. Ob ihn der Journalist und spätere Stadtrat Max Winter in einen seiner Sozialreportagen erwähnt hat? Dessen Grab ist auch hier. Neben im liegt eine Familie Kleinod.

ZEITPORTAL

Die Stadt scheint den trotz Verkehrs- und Baulärms idyllischen Friedhof von allen Seiten zu bedrängen, die Zinshäuser und Baumärkte scheinen ihm zwar allmählich, aber unaufhaltsam an die Ziegelpelle zu rücken.

Umso dichter wirkt das Ensemble. Eine Insel, ein Zeitportal. Hier findet sich noch das eine oder andere Grab mit Nazi-Rune und einen Sowjetfriedhof mit Massen- und Einzelgräbern. Und aus der leeren Blumenschale des Physikrates lugt ein kleiner Gummidinosaurier hervor. Ein Tyrannosaurus Rex. Anderswo steht: wife, mother, daughter, sister, friend. 1926–2023. A life well lived. – Gerichtet. Und gerettet.


DR. GUDRUNSTRASSE

Dem Baron-Karl sein Favoriten ruft, wir machen uns auf, die Gudrunstraße entlang, die links vom Friedhof vorbei ins Herz des alten Arbeitsbezirks führt. Ein Bezirk, dem man seine Herausforderungen ansieht.

Wie ich aber auch sehe, ist die Akademikerdichte nicht zu unterschätzen. Da gibt es einen Computerdoktor. Und einem aufgesprühten, glaubwürdigen Hinweis zufolge ordiniert hier auch ein „Doktor K. Hasenbein“. Möglicherweise onaniert er auch, zumindest dürfte er schmutzige Phantasien mit Polizisten haben, dem Graffiti zufolge. F… die P…

STROLLING INTO DEEP

Hier ist was los, die Geschäftsschilder sind vielsprachig. Liegende Teppiche werden geliefert. Ich bewundere die zahlreichen Backsteinbauten, darunter das beeindruckende Gebäude der Bezirksvorstehung, das aussieht wie ein Industrie-Building aus einem der Aufbau-Computergames, die man jetzt auf dem Handy spielt.

Vorbei an der Keplerkirche biegen wir in die Favoritner Hauptstraße ein  und drehen eine Runde auf dem Viktor-Adler-Markt, der von den umstehenden Häusern ähnlich bedrängt scheint wie der Evangelische Friedhof. Ich frage mich, ob es wirklich nötig ist, dass die Welt hier aussieht wie eine Mischung aus Sin City und Indiana Jones auf Steampunk. Und was das mit den Menschen hier macht. Und die Macht mit den Menschen.

JOSEF UND DIE ZEUGEN JEHOVAS

Vom Spira-Hof herunter wacht mit heiliger Zurückhaltung Josef der Arbeiter, auf halbem Wege zwischen Himmel und Erde, aber gerade noch unter dem Dachfirst, über das Ensemble. Er hat sein Zimmermannswerkzeug hinter sich abgestellt, macht offenbar Mittagspause. Ein Fingerzeig, dass auch wir Hunger kriegen sollen.

Eine Romafrau läuft durchs Bild, prächtig gekleidet, mit Gold und Kindern behangen, wie ich es aus Rumänien kenne. Wir geraten in ein kleines Rudel Zeugen Jehovas, das gerade seinen letzten Standplatz für heute bezieht. Wir werden für ein paar Minuten U-Boote in einer speziellen Welt der Psalmen und des Glaubens. Die Gespräche, die sie führen, sind kultiviert und zielgerichtet. Die Mission lautet Mission. Es geht um die Zukunftsängste der Menschen und um den Sinn im Leben.

DAS SCHLAFENDE PFERD

Hinter ihrer Stellung das ominöse Denkmal mit einem offenbar toten Bronzepferd, das aber  eigentlich nur schläft, wie ich erfahre. Es streckt seinen Hintern Richtung Amalienbad, dessen beeindruckende Architektur den Reumannplatz dominiert.

Pferde sind Fluchttiere, legen sich nur zur Ruhe, wenn sie sich absolut sicher fühlen. Eine äußerst intelligente, vielseitig subversive Intervention, denke ich mir.


MEIXNERS GASTWIRTSCHAFT

Gleich hinter dem Amalienbad befindet sich eine Wiener Institution: Meixners Gastwirtschaft. Seit den frühen Achtzigerjahren in der heutigen Form bestehend und vor rund einem Jahr neu übernommen, ist schon der erste Eindruck, die freundliche Begrüßung, ein guter.

So geht es weiter: ein klassischer, gepflegter Gastraum, eine Karte, die den Bogen zwischen Wirtshausklassikern und einem attraktiven Angebot für kulinarisch Neugierige schlägt, ohne jemanden, schon gar nicht die Stammkunden, zu verschrecken.

WAS DIE ZUNGE BEGEHRT

Seidl, Kellner
(c) F. Kührer-Wielach

Ob Innereien heutzutage noch zu den Innovationen oder schon (wieder) zu den Klassikern gehören, ist schwer zu beantworten. Aber: es gibt sie auf der wechselnden Karte des Meixners immer, schon allein deswegen hatte ich es schon lange auf meinem persönlichen Menü.

Diesmal: Kalbskutteln mit Knoblauch, Paradeiser und Basilikum (EUR 16,80). Deren größter Nachteil ist, dass sie aufgegessen sind. Die Alternative ist jedoch ebenso interessant, nämlich Gebratene Rindszunge mit buntem Erdäpfel-Zucchinigröstl und Chilis (EUR 18,80).

Die Mitesserin bekommt eine ordentliche Portion Nockerln mit Saft (EUR 11,80). Sie kostet aber gerne auch bei den legendären Grammelknödel auf lauwarmen Speckkraut nach Art des Hauses (gebacken! lovely!) mit, die wir als Vorspeise (EUR 13,20) bestellen.

ALTBRÜNNER GOLD

Dazu gibt es (für mich) ein kleines Starobrno Altbrünner Gold (EUR 4,70). Die Entscheidung fällt nicht leicht, nachdem nicht nur die Weinkarte ausgezeichnet ist, sondern auch noch Trumer Pils und Zwickl vom Fass ins Glas kommen. Letztlich aber muss man in Favoriten Böhmisches, eigentlich: Mährisches Bier trinken.


Das passt alles wunderbar zusammen: die kleinen Grammelknödel schmecken uns, das Speckkrautbeet ebenso. Die Rinderzunge ist wunderbar weich, kein Hauch von Zähigkeit, die da immer zu befürchten ist. Die Kleine derbeißt das problemlos, obwohl sie weniger Zähne hat als der Durchschnitt der Gäste. Denn zu Meixners kommen offenbar Jung und Mittel und Alt sehr gerne, unabhängig vom Zustand des Gebisses.

Die Gäste hier sind auch zueinander freundlich, begrüßen sich mit Servus. Sagen aber mitunter auch Wörter wie Schas und Oida. Die Frau Doktor wird mit Titel und Namen begrüßt.

Man spricht die Kleine an im Vorbeigehen. Wie alt bist denn du? Wie heißt du denn? Offensichtlich kann die Mitesserin noch nichts Sinnvolles von sich geben. Man erwartet die Antworten also von mir, freilich ohne mich dabei anzusehen. Ich überlege, die erfragten Angaben mit verstellter Stimme zu machen, um den Schein des Dialogs Oma-Baby, der ja eigentlich ein Trialog ist (also plus ignoriertem Papa), aufrechtzuerhalten.

GESCHMACKSSINNLICHES

Der notorische moderne Kick für die Klassiker ist hier kein leeres Versprechen. Im Fall der Zunge sind es kleine, süße Chilis (Sweet Drops), die nicht nur farblich auf dem Teller Freude machen, sondern wirklich Sinn haben. Sie ergänzen das Gericht perfekt, vertiefen es, ohne vom Kern der Sache – Zunge/Sauce/Gröstl – abzulenken. Voller Chili-Geschmack, nur komplett mit ohne Scharf.

KOSTEN: insgesamt EUR 51,40 für eine Vorspeise, eine Hauptspeise und eine große Kinderportion, ein kleines Bier vom Fass und einen kleinen Mocca (Mocca, nicht Espresso, lovely!). Das ist nicht geschenkt, aber Wirtshäuser wie dieses sind selbst ein Geschenk. Denn reich wird man damit nicht als Wirt. Man muss es lieben. Also: love it as well or leave it.

BENOTUNG:

Geschmack: 4,5 von 5 Arbeiterdaumen nach oben
Atmosphäre: 5 von 5 Wirtshausliebhaberdaumen nach oben
Kulinarische Kakanizität: 4 von 5 k.u.k. Küchenklassiker
Soziokult: keine Insel, aber ein Hafen für die Favoritner
Toilette: klassisch gepflegt

Nach dem Mokka, wieder ein sehr guter, verlassen wir das Meixners, das nicht zufällig vom Wirtshausführer zum Aufsteiger des Jahres 2024 erkoren wurde. Außerdem trägt man den Titel „Goldener Schani 2023“. Den „Garten im Hof“, wie es in Wien heißt, werden wir in der noch wärmeren Jahreszeit besuchen. Die Anreise ist es wert.

Nun die Favoritenstraße hinunter Richtung Stadt. Killer lese ich auf einer Gedenktafel. Fritz Killer, Pianist, Komponist, Kapellmeister. 1905–1983. 400 Lieder. Wienerherz. Gewidmet vom Mandolinen-Orchster Favoriten.

Wir verlassen den Bezirk über den Platz der Kulturen. Hier hat sich der Linienwall über die Jahrzehnte zum Südbahnhof und dann zum Hauptbahnhof transformiert. Europa Mitte hieß der auch einmal.

Ob man das Favoriten von 2024 in hundert Jahren in mittelmäßigen Wien-Krimis verklären wird? Der*die KommissarInspektor würde gewiss beim Meixner Einkehr halten.

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