
(c) F. Kührer-Wielach
In der Neubaugasse liegt ein Avocadokern auf dem Pflaster, zwischen den Steinen. Als würde er eine Mischung aus Mühle und Abalone spielen, nur ganz allein. Der Avocadokern, die Seele des siebten Bezirks. Als ob er sich von Fuge zu Fuge arbeiten würde, vom Renaissancetheater weg Richtung Mariahilferstraße.
Wir kratzen rechtzeitig die Kurve, landen in der Mondscheingasse. Das Grätzl ist nach der einstigen Ortschaft St. Ulrich benannt, und die wiederum nach der Ulrichskapelle, die mittlerweile zu einer Kirche mutiert ist.
UNABSICHTLICH SCHIRCH
Die Mondscheingasse aber fällt sofort ins Auge: hier ist Neubau nicht mehr shabby-schick, sondern unabsichtlich schirch. So war es hier noch vor wenigen Jahrzehnten, heruntergekommen, wild. Graffiti! Damals, als sich die gemeine Josefstädter Hofratswitwe kaum über den Limes der Lerchenfelderstraße gewagt hat, zumindest nicht ohne den vermeintlichen Schutz einer schnorchelnden Diwanwalze mit kupiertem Schwanz und eingedrückter Schnauze. Heute tragen die Neubauer selber Dutt, nur ohne Haarnetz. Oder einen Helm aus Haaren, wie Mireille Mathieu, nur selbstgeschnitten.

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HÖRT DIE ŠIGNALE
Nach der Querung der Zollergasse wird die Mondscheingasse noch wilder. Hier hat der KSŠSD seinen Sitz: der Klub slovenskih študenk*študentov na Dunaju, also jener der slowenischen Student*innen in Wien. Gut getarnt als kommunistisch-anarchistische Zelle oder so, zumindest erweckt das Äußere diesen Eindruck. Schlau gemacht, so läuft man nicht Gefahr, dass sich hier versehentlich ein paar Faschisten in den Klub verirren. Oder ganz normale Menschen.

Gustav Greiner, WStLA, Fotosammlung Greiner, FF: 2/4,
Wiener Stadt- und Landesarchiv CC BY-NC-ND 4.0
Gleich daneben stand einst das erste Volksbad Europas, 1887 errichtet, um den katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Bevölkerungsmassen zu begegnen, die sich am nahegelegenen Brilliantengrund in der Seiden- und Posamentenfabrikation verdingten. Später hat die Stadt eine ganze Reihe solcher „Tröpferlbäder“ errichtet, die letzten haben erst vor wenigen Jahren zugesperrt.
Ob uns die Menschen, die die Tröpferlbäder nutzten, nicht ein wenig über „Die große Erschöpfung“ erzählen könnten, in der wir uns wähnen?
BENDER IN GUMMISTIEFELN
Gingen wir den Bogen der Mondscheingasse zu Ende, der an sich schon eine Ausdruck des Widerstands im eher geradlinigen Straßennetz des Bezirks zu sein scheint, könnten wir im Kulturzentrum Café Siebenstern einkehren. Das wartet mit einem schicken roten Stern im Logo auf.
Der Avocadokern in uns treibt uns aber zurück in die Zollergasse, Richtung Gasthaus Sapa. Auf dem Weg dahin zeigt sich die pulsierende Kreativität Neubaus in all seine Wirkmacht: da sitzt in der Auslage eines Installateurs eine Figur aus Plastikrohren mit Gummistiefel und Kapperl auf einer Kloschüssel. Es ist Bender aus Futurama.
Gleich daneben sind die Auslagen mit Grabkreuzen geschmückt. Im schwarzwandigen Geschäftslokal leuchtet ein umgedrehtes Neonkreuz. Ich weiß nicht genau, was hier verkauft wird, Schallplatten und verlorene Seelen, vermute ich.

(c) F. Kührer-Wielach

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IM IN LOKAL
Das Gasthaus Sapa ist hingegen geschmacksicher. Hier wird auf verlässlich gutem Niveau Vietnamesisch aufgekocht. Die Ausstattung des Lokals macht uns deutlich, dass wir wieder im schicken Teil der Gegend sind. Wo man in ist, wenn man drin is(s)t.
Hier sieht es nur teilweise so aus, wie ich mir das Innere eines Avocadokerns vorstelle. Ist aber trotzdem lässig: das obligate freiliegende Lüftungsrohr, etwas zu kleine Resopaltische, um die Holzsessel vom Flohmarkt stehen, Turnsaalboden.
DAS MENÜ
Die Karte klein, aber fein. Man ist hier für die Sommerrollen bekannt, also nehmen wir die mit Rindfleisch als Vorspeise. Die sind ausgezeichnet, sogar laktosefrei, was man ihnen aber nicht ankennt um den Preis von EUR 9,50. Ich frage mich, wie man in so eine asiatische Reismehlwalze überhaupt Laktose hineinbekäme, wenn man das aus irgendeinem Grund wollte.
Als Hauptgang gibt es Bun (EUR 15,50), die Rindfleisch-Fassung mit Gemüse, Blattsalat, Reisvermicelli, Sapanem, Rettich-Salat, Minze und Erdnüssen. Das ist zugegebenermaßen genau so, also würde man den Inhalt von sieben Sommerrollen sortieren und in einer Schüssel auflegen, aber ich mag das halt.
Die große Mitesserin nimmt ein Cari, also ein Hühner-Kokos-Curry (EUR 14,00), das im hübschen Riess-Emaille-Topferl daherkommt. Die kleine Mitesserin bekommt zur Abwechslung wieder einmal ein Gläschen, verkostet aber auch unsere Speisen.

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ALLES, WIE ES SICH GEHÖRT
Die Gerichte sind angenehm abgeschmeckt, alles bestens. Freilich verhält es sich wie mit den (besseren) Weinen aus dem Supermarkt: da gibt es kaum mehr Fehlgriffe, alles kommt wohlschmeckend daher. Allein: Überraschungen braucht man sich kaum zu erwarten.
Nach Überraschung sieht das Publikum aber hier nicht aus. Eher nach Gratwanderung zwischen Schick und clochardisation.
Sehr positiv, neben der angenehmen Atmosphäre, die wohl auch am Abend bei einem Glas Wein oder Plörre funktioniert: Kinder ist man hier offenbar gewohnt, es sind auch wirklich viele da.
KOSTEN:
EUR 51,90 für 1 Vorspeise, 2 Hauptgerichte, 2 normale Getränke und 1 Anjola von Fritz-Cola, das sich wohl nur in bestimmten Soziomilieus durchsetzen wird. Seltsames Tröpferl, aber not bad: Ananas-Limette – das könnte auch der Vorname von der einen oder anderen Sprössin in der Gegend sein.
Aber jetzt heißen sie ja wieder alle Hubert und Roswitha, die Neubaugeborenen aller Bezirke.
BENOTUNG:
Geschmack: 4 von 5 Papillenschmeichlern
Atmosphäre: 4,5 von 5 Bobobodenlinoleumfliesen
Kulinarische Kakanizität: 2 von 5 Tröpferl, wegen dem „Wirtshaus“ im Namen und dem Emaille-Topf
Soziokult: fast ausschließlich Avocadobäume und ihre grünsprießenden Setzlinge
Toilette: offenbar vom Satanisten nebenan gestaltet

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Die Kleine legt ein Minzblättchen zur Seite, es ist offenbar Zeit zu gehen. Wir flanieren die Zollerstraße weiter, die selbst im Mündungsbereich zur Mariahilferstraße ihre wohltemperierte Wildheit behält. Hier trägt man den Jogginganzug ironisch und frisiert sich spätnachmittags so, dass es aussieht, als sei man gerade aufgestanden.
In der Lugner ginge das nicht durch.
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