DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

Mit Kafka und Brukenthal in der Würstelgarage // StrollingKin #3

An sonnigen Wintertagen schaut sie besonders majestätisch drein, die Maria Theresia, zumal in der Vorweihnachtszeit. Wie sie da zwischen Naturhistorischem und Kunsthistorischem Museum thront, mitten in ihrem „Weihnachtsdorf“: mit der rechten Hand zeigt sie würdevoll in Richtung Baumstriezel-Bude. In der Linken hält sie offenbar einen Rückenkratzer, man wusch sich ja nicht so gern damals. Unter den Arm eine Vorläuferin der Kronenzeitung geklemmt.

Auf dem Kranzgesims sitzen die Allegorien für Gerechtigkeit, Kraft, Milde und Weisheit – die vier Kardinalstugenden als Frauenfiguren. Ein Stockwerk darunter finden sich Statuen und Reliefs ihrer Consulter, Verwalter, Feldherren, Künstler und Gelehrten.

Maria-Theresia und Consulter
(c) F. Kührer-Wielach

SAMUEL, LINKS UNTEN

Von hinten gesehen unter Maria Theresias linker „Reichshälfte“ in der Verwaltungsfraktion findet sich auch Samuel von Brukenthal. Er repräsentiert Siebenbürgen in diesem Ensemble.

Bevor seine Karriere so richtig eskalierte, ging der in der Nähe von Hermannstadt geborene Samuel in die mitteldeutschen Lande studieren. In Jena, Halle und Leipzig wie auch in Wien baute er aber vor allem auf die Freimaurerei, weniger aufs Studieren.

Nach einigen Jobs in Hermannstadt wurde er von den Siebenbürger Sachen nach Wien geschickt, um bei Hofe ein bisschen Lobbying zu betreiben. Wie so oft wechselte er die Seiten, nämlich in den österreichischen Staatsdienst.

Jetzt war er Familie, stieg auf, kriegte alles, was er wollte, bis zum Amt des Gouverneurs von Siebenbürgen. Er sollte der einzige Siebenbürger Sachse bleiben, der dieses Amt bekleidete.

Samuel von Brukenthal auf dem Maria-Theresien-Denkmal in Wien von Kaspar von Zumbusch (1874–1888) – Verwaltung in einem Beratungszimmer in der Hofburg
CC BY 3.0: Andreas Praefcke/Wikipedia

EINE BOSNA NAMENS KAFKA

Aus seiner Wiener Zeit nicht überliefert ist, wo er denn zum Gabelfrühstück seine Beamtenforelle vulgo Knackwurst zu sich nahm. Darum mache ich mich gemeinsam mit der Mitesserin auf die Suche nach entsprechenden Verköstigungsstellen.

Da wir Maria Theresia zwar die Schulpflicht, aber nicht die Christkindlmarktpflicht verdanken, verlassen wir das mit Menschen aus aller Damen Länder bevölkerte Weihnachtsdorf, bleiben aber in der mittelbaren Umgebung.

Wir werden bald fündig, nämlich in der Stiftsgasse, wo sich der raketensicherste Würstelstand Wiens befindet. Denn Hermann’s Würstelstand hat sich in der Einfahrt einer Parkgarage versteckt, inklusive ganzjährigem Sichtbetonbiergarten (50 Sitzplätze!).

Hermann’s Garagenwürstelstand
(c) F. Kührer-Wielach

Hier geht nächtens sicher die Post ab, wenn die Spittelberger Bobos in den Nachtschwärmermodus wechseln. Das notorische Donau ist ja auch ganz in der Nähe, aber dort gibt es bekanntlich einen hauseigenen Würstelstand.

Jetzt am frühen Nachmittag wirkt die Wiener Version eines Garagenheurigens jedenfalls eher wie ein Ort, an dem man sich vor solchen Leuten verstecken kann.

Schrödinger(’)s Hermann’s Würstelstand quasi: er ist da und gleichzeitig unsichtbar, man ist zur selben Zeit drin und draußen. Wem das zu kompliziert ist, der kann sich auch in das Stand hineinsetzen (8 Sitzplätze), dann ist man drinnen drin.

Insgesamt also irgendwie hipp, mit Veggie, wer mag, aber ohne Bioexzess. Den verhindern allein schon die Abgase der in die Garage einfahrenden Autos.

Hier gibt es eine ordentliche Auswahl an Würstel, Bosna, alle nötigen Beilagen und Bier vom Fass. Ich entscheide mich für eine Bosna mit Käsekrainer. Das Modell nennt sich Kafka. Passt.

Das wunderbare tschechische Kozel ist ausgetrunken, darum ein kleines Zwettler. Die Richtung stimmt. Es ist bestimmt die beste Bosna, die ich jemals in einer Garage gegessen habe.

Kosten: EUR 9,00 (ohne Maut).

Benotung:

Geschmack: 3 von 5 Kafka’sche Käfern
Atmosphäre: 5 von 5 Parkticketautomaten
Kulinarische Kakanizität: wurscht
Soziokult: 5 von 5 Tschick
Toilette: nicht gefunden

Alternative Beurteilung:

Liebe Hermann’s, es ist bei euch wie im Roman, zum Beispiel wie in Metro 2033 von Dmitri Alexejewitsch Gluchowski, in dem die Moskauer Bevölkerung nach einem Unglück nur unterirdisch überlebt. Aber nachhaltiger, denn im U-Bahn-Netz, nicht in einer Parkgarage.

Individualverkehr werdet ihr bei euren abendlichen Öffnungszeiten aber öfter haben, halt hinter dem Standl. Tagsüber funktioniert ihr als Versteck vor Glühkindl, Einkaufsgewusel und gesunder Ernährung. Schon ziemlich lässig, die Lage. Und die Wurst ist völlig in Ordnung.

Eine Bosna namens Kafka
(c) F. Kührer-Wielach

ZURÜCK NACH SIEBENBÜRGEN

Die Mittesserin verschläft ihre Kostprobe, sie zieht es vor zu schlafen. Ob wegen der beruhigenden Ausstrahlung der Betonwände oder wegen der Stickoxyde kann ich nicht beurteilen.

Was wohl Maria Theresias Director General of Public Health and Chief Medical Officer Gerard van Swieten dazu gesagt hätte?

Jedenfalls findet sich der auch auf dem Sockel der „Kaiserin“, allerdings firmiert dieser unter „Wissenschaft und Kunst“. Auch er ein Transsylvanien-Kenner, der Herr Doktor, immerhin sagt man ihm nach, dass er als historisches Vorbild für Bram Stokers Vampir-Jagdmeister Professor Abraham Van Helsing gedient habe.

Samuel von Brukenthal könnte selbst neben Abraham von Swieten bei der Wissenschaft untergebracht werden. Denn schon während seiner Tätigkeit als Spitzenbeamter und noch viel mehr nach seiner Pensionierung hat er fantastischen Sammlungen – Bücher, Pinakothek, Kupferstiche, Münzen – angelegt, die bis heute zu den wertvollsten Mitteleuropas zählen.

Zu seinem 300. Geburtstag vor zwei Jahren wurde ihm endlich ein Denkmal errichtet, vor dem nach ihm benannten Palais am Großen Ring in Hermannstadt. In Wien hat man das Jubiläum verschlafen.

Samuel von Brukenthal-Statue am Großen Ring in Hermannstadt
(c) F. Kührer-Wielach

Wurscht?

Nein. Da in dieser Stadt alles zehn Jahre später passiert, haben wir noch eine Chance auf ein Festbankett zu Ehren des großen Freiherrn aus Hermannstadt.

Bis dann also, im Jahr 2031, bei Hermann’s Würstelstand.

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Zur Website des Brukenthalmuseums

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