DIE MITTE


seiten von florian kührer-wielach

Wort des Laien: Mütter auf dem Weg

Am 9. Juli 2023 war ich eingeladen, im Rahmen der Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben in Altötting vor dem Hochamt ein „Wort des Laien“ zu sprechen. Ich empfinde es stets als besonders interessante und lohnende Herausforderung, wenn sich Wissenschaft und Gesellschaft, in diesem Fall, eine Wallfahrtsgesellschaft, begegnen. Wichtig ist dabei, eine gemeinsame Sprache und verständliche Bilder zu finden.

Die berühmte Schwarze Madonna von Altötting hält, umgeben von Gold und Silber, ein Zepter in der Hand. Sie trägt Schmuck, kostbare Kleider, die aus Brautkleidern bayerischer Prinzessinnen gemacht sind und die sie im Laufe des liturgischen Jahres wechselt. Papst Benedikt hat ihr vor einigen Jahren sogar seinen Bischofsring geschenkt. Sie wirkt routiniert und selbstbewusst, in sich ruhend, wenn sie mit leicht geneigtem Haupt auf ihre Pilger, vor allem aber auf das Kind blickt, das sie auf dem Arm trägt. Ihren Sohn, der als Symbol der göttlichen Allmacht eine Himmelskugel in den Händen hält.

Geschätzte Geistlichkeit, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verbänden und Vereinen, liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer – was aber bliebe, wenn die Madonna von Altötting sich dafür entscheiden würde, all ihren Schmuck abzulegen? Die Krone, die Gewänder, den Ring. Wen würden wir erkennen?

Gnadenbild der Gnadenkapelle in Altötting (Landkreis Altötting, Oberbayern). Die frühgotische Statue einer stehenden Muttergottes mit dem Jesus-Kind kam um 1330 nach Altötting.
Siddhartha Finner, CC BY-SA 3.0

Vor uns sähen wir eine Frau mit dunklem Gesicht, von der keiner so genau weiß, wo sie denn hergekommen ist und wer sie überhaupt hierhergebracht hat, damals im Spätmittelalter; diese Frau mit dem Kind auf dem Arm.

Man könnte Sie vielleicht für eine Alleinerziehende halten, den Blick eher erschöpft und ratlos, in eine ungewisse Zukunft gerichtet. Und das Kind – wer weiß, was es erlebt hat –, es scheint einen Ball an sich zu drücken, als wäre es das einzige Spielzeug, die letzte Habseligkeit, die ihm geblieben ist.

Wir würden klarer sehen, wen wir vor uns haben und warum jedes Jahr Donauschwäbinnen und Donauschwaben hierherkommen, um ihre Dankbarkeit auszudrücken, dass sie Flucht, Internierung, Deportation und Vertreibung überlebt haben. Heute gehen manchmal auch ihre Kinder und Enkel diesen Weg mit, und es gibt auf dieser Welt viel zu viele Gründe, warum die Ursprünge dieser Wallfahrt auch bei den jüngeren Generationen nicht in Vergessenheit geraten sollten.

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Aus den historischen Quellen wissen wir, dass es vorwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen waren, die in den Lagern interniert waren, die sich, wenn möglich, auf den Weg gemacht haben, während die Männer von ihnen getrennt oder bereits tot waren.

Zuvor hatte der Nationalsozialismus den europäischen Kontinent in ein nie gekanntes Unglück gestürzt. Auch die Donauschwaben sind von diesem kollektiven Wahn mitgerissen worden. Auch sie wurden pauschal der sogenannten Herrenrasse zugeschrieben, viele schrieben sich ihr gerne selbst zu und wirkten aus dieser Situation eines kollektiven Überlegenheitsgefühls heraus bei den Verbrechen mit.

Aber genau nach derselben pauschalisierenden Logik, auf Basis dieses oftmals auch ungefragten „Wir“, wurde nun von den neuen Herren kollektiv und pauschal bestraft. Donauschwaben und andere wurden für vogelfrei erklärt. Und vogelfrei ist bekanntlich das Gegenteil von frei. Unter den verfolgten Männern ausgerechnet auch jene, die sich aufgrund ihrer religiösen Überzeugung dem Beitritt zur SS verweigert hatten.

Flucht, Vertreibung, Deportation und Internierung können zwar mit den zuvor begangenen Verbrechen erklärt werden – niemals aber gerechtfertigt. Denn wie ungerecht, wie unselig kollektive Bestrafungsmechanismen sind –‚Augen für Augen‘, ‚Zähne für Zähne‘ – zeigt sich am deutlichsten an den Schwächsten: an Frauen, Kindern und Gebrechlichen, die deportiert und  interniert wurden, um an Hunger und Krankheit zu sterben.

Außer der Hoffnung zu überleben blieb ihnen nicht viel. Aus dieser Hoffnung heraus haben sie in der gemeinsamen Messfeier mit dem heldenhaften Jesuitenpater Wendelin Gruber gelobt, eine jährliche Wallfahrt zu unternehmen, wenn sie das Lager überlebten.

Für sie war die Präsenz Marias der Spalt in der schäbigen Barackenwand, durch den ein wenig Licht in das düstere Innere dringen konnte.

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Und doch schwingt stets ein lauteres oder leiseres „Selber schuld“ mit, wenn es darum geht, die Vertreibungsgeschichte der Deutschen zu beschreiben. Ein Phänomen, dass mitunter zu Trotz und Verschlossenheit geführt hat – bei den Betroffenen wie bei den anderen.

Wer die Berichte, Erzählungen und Schilderungen von Flucht und Vertreibung, Internierung und Deportation kennt, versteht besser, warum die Gelöbniswallfahrten der katholischen Altösterreicher aus dem Donauraum viel mehr sind als einfach eine fromme Tradition. Warum es hier um ausgesprochene Dankbarkeit und auch, vielleicht unausgesprochen, um Freiheit geht.

Wer die Berichte kennt, versteht besser, warum Frauen über ihre persönlichen Erfahrungen jener Zeit oft lieber schwiegen. Sie haben zwar nicht vergessen, egal, wohin sie gegangen sind, nach Deutschland, Österreich, nach Amerika. Sie haben es aber oft vorgezogen, ihre persönliche Erinnerung still vor die Gnadenbilder dieser Welt zu tragen, vor das milde blickende Antlitz der wahrscheinlich mächtigsten und einflussreichsten schweigenden Frau der Weltgeschichte.

Denn wir wissen, dass von ihr nur wenige Zitate in der Bibel überliefert sind. Wofür die Jünger, die Evangelisten, die Geistlichen viele Worte brauchen, das drückt sie mit ihrem bloßen Da-Sein aus. Und vielleicht liegt es nicht allein an den Männern, die ihre Geschichte aufgeschrieben haben, dass so wenige Worte überliefert sind. Vielleicht ist auch eine Absicht dabei: das Wissen um die Gewalt, die Sprache mit sich bringen kann. Die Gewissheit, dass Worte töten können.

Doch gibt es auch eine andere Seite:

„Vielleicht würden wir gar keine Gedichte mehr brauchen, hätten wir den Weg gefunden, eine Welt ohne Gewalt zu erschaffen,“ sagte die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk vor wenigen Tagen in ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur.

Solange es Gewalt gibt, werden Gedichte also Trost spenden müssen. Und wo drückt sich diese besondere Aufgabe der Lyrik deutlicher aus als in der oft überwältigenden Schönheit schlichter Marienlieder.

Wort des Laien: „Mütter auf dem Weg“, Altötting am 9.7.2023
(c) Roswitha Dorfner

Wer die Schilderungen jener Zeit kennt, insbesondere jene über die Schicksale der Frauen, dem gelingt es möglicherweise auch besser zu verstehen, warum das Thema der Unbeflecktheit nicht nur der vielleicht manchmal etwas hilflos wirkende Versuch ist, Maria eine Entrücktheit zu verleihen, die ihr wohl auch ohne diese Glaubenslehre zu eigen wäre.

Sondern es auch um den Willen von Frauen geht, sich mit der Hilfe der Madonna jene Würde wiederzuholen, die ihnen selbst genommen wurde.

Dass die Idee der Reinheit Mariens bereits fast so lange existiert wie das Christentum selbst, kann uns als Beleg dienen, dass die Entwürdigung von Frauen – und zuweilen auch Männern – zu allen Zeiten als ein Mittel der Kriegsführung und der Unterwerfung eingesetzt wurde.

Und wird.

Doch möchten wir auch hier die andere Seite nicht übersehen, die sich in einem weiteren, immer weniger verstandenen Glaubenssatz zeigt: wenn Mitte August die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele gefeiert wird, dann ist dies auch eine Anerkennung des Menschen als geistiges und körperliches Wesen, mit seinen Fehlern, Makeln und Wunden, die ihm von der Welt zufügt werden; aber auch mit all seiner Schönheit, manchmal einer ganz bestimmten Schönheit, die besonders Mütter auszeichnet, und alle, die in der Lage sind, mütterliches Verhalten an den Tag zu legen.

Ohne Gold und teure Stoffe, vielleicht sogar insbesondere dann, wenn nicht viel mehr bleibt als das, was man am Leibe trägt, mitsamt dem Kind auf dem Arm.

Mütter waren die, die überleben.
Mütter sind die, die überleben müssen.

Wie Maria unter dem Kreuz. Wer ein wenig provozieren möchte, könnte in diesem Sinne behaupten: die wahren Gendersterne trägt Maria um ihr Haupt.

*

Ungleiches darf nicht gleichgesetzt werden, und doch sollen wir Ähnliches miteinander vergleichen. Wir sehen es vor uns, in den Zeitungen, auf den Bildschirmen, vor unseren Augen: Wir sehen, wie Frauen oft nicht fliehen können oder wollen, weil es mit den Kindern, für die sie zu sorgen haben, gar nicht möglich ist, weil der Weg zu gefährlich ist, oder bloß, weil sie nicht so laut sind, sich nicht vordrängen, weil ihnen die Mittel fehlen. Denn:

Mütter sind die, die bleiben.
Mütter sind die, die bleiben müssen.

Wir sehen aber auch die Frauen und Kinder, die vor dem Krieg fliehen, während die Männer und Väter die Uniform anziehen und ihre Heimat verteidigen.

Mütter sind die, die bleiben, auch wenn sie gehen.

Wir sehen zunehmend die Verfolgung von Christinnen und Christen auf der halben Welt, wir sehen aber auch, wie Kirchen und ihre Akteure den Krieg befeuern und rechtfertigen können, wir sehen den Krieg, wir hören, wie darüber geredet wird.

Und bemerken, wie gelegentlich ein lauteres oder leiseres „Selber schuld“ mitschwingt.

Wallfahrtsbasilika Altötting, von der Absis aus gesehen
(c) Florian Kührer-Wielach

Wenn aber jemand um die Ungerechtigkeit und um die fatale Wirkung von ahnungslosen oder gar absichtsvollen Pauschalurteilen weiß, dann sind es die Donauschwäbinnen, die hier und anderswo vertrauensvoll zu Maria auf Pilgerfahrt gehen. Still ihre Erinnerung vor das Gnadenbild tragen.

Vielleicht sollte sie manchmal doch etwas weniger mild auf die Welt blicken, diese erste und vornehmste unter den Menschen, die Schwarze Madonna von Altötting, die Frau mit dem Kind auf dem Arm, und öfters die Stimme erheben, mithilfe ihrer Schicksalsgefährtinnen in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Für alle Mütter, für alle Frauen, für alle Menschen, die Lager, Flucht und Vertreibung selbst an Leib und Seele erfahren und denen nur das Schweigen bleibt.

Um neben Gnade auch Gerechtigkeit einzufordern.

Um aus den Geschichten der Opfer auch eine Geschichte des Überlebens, der Stärke und der Befreiung zu machen.

Altötting, am 9.7.2023
Florian Kührer-Wielach


Die Gelöbinswallfahrt der Donauschwaben nach Altötting wird jedes Jahr im Juli vom St. Ger­hards­werk Stutt­gart mit Unter­stüt­zung des Ger­hards­fo­rums Mün­chen organisiert. Zum 62. Mal hat man das Gelöbnis des P. Wen­de­lin Gru­ber aus dem Jahr 1946 im Lager Gakowa ein­ge­löst: ​„Wenn wir am Leben blei­ben, wol­len wir jähr­lich aus Dank­bar­keit wall­fah­ren“.

Bericht im Passauer Bistumsblatt

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