Am 18.9.2018 habe ich im Rahmen einer Festveranstaltung der Rumänische Akademie im Bukarester Atheneum einen Vortrag zum Thema „Rumänien und die historischen Ereignisse von 1914–1920“ gehalten. Ich bin dabei etwas vom Drehbuch abgewichen und habe persönliche Erfahrungen mit historischen Episoden verknüpft. Die rumänischsprachige Originalfassung ist in der renommierten Kulturzeitschrift Observatorul Cultural, Nr. 941, 11-17.10.2018, Jg. XIX, seria nouă (683) unter dem Titel „Alba Iulia, un loc al memoriei europene“ erschienen.
Sehr geehrter Herr Präsident der Rumänischen Akademie,
sehr geehrte Mitglieder der Academia Română,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte Ihnen sehr herzlich für die ehrende Einladung danken, an diesem wunderbaren Ort mit Ihnen gemeinsam über die „Großen Vereinigung“ von 1918 nachdenken zu dürfen, eine von mehreren Geburtsstunden des rumänischen Staates. Nachdem ich das Programm erhalten habe und festgestellt habe, dass ich hier der Letzte in einer äußerst erlesenen Runde bin und über die historischen Ereignisse in der Folge des Ersten Weltkriegs vermutlich schon alles gesagt sein wird, wenn ich an die Reihe komme, habe ich mich entschieden, meinen Vortrag ein wenig zu modifizieren und der „perspectiva transregională“ eine „perspectiva personală“ hinzuzufügen.

Meinen wissenschaftlichen Beitrag können Sie in der bereits vorliegenden Festschrift nachlesen. Hier und heute möchte ich sie auf eine etwas persönlichere Reise mitnehmen und auf diese Weise die Perspektive eines Vertreters der jüngeren Generation von ausländischen Wissenschaftlern und Rumänien-Freunden beisteuern.
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1996, sechs Jahre nach der Wende, habe ich Rumänien kennengelernt. Es war das Rumänien jenseits der Berge, Bukarest, Roman, Iași, das Schwarze Meer, das alte Königreich, wie manche es nannten und nennen. Ich war 14 Jahre alt, wusste nichts über die Geschichte dieses Landes, ahnte nur manches über seine Gegenwart. Für Rumänien war es eine schwere Zeit: die Wunden einer nie enden wollenden Dauerkrise waren noch offen – 1918, 1989, fast ein ganzes Jahrhundert voller Hoffnungen und Enttäuschungen, dem Willen zur Freiheit und zum Frieden, ein viel zu langes, „kurzes“ Jahrhundert, das immer wieder, so wie in vielen Ländern Europas, mehrmals in Kriege und Unterdrückung geführt hat.
Für mich persönlich war es jedoch der denkbar ideale Moment, um Rumänien kennenzulernen. Zwar war ich nicht blind und taub: ich habe still aus Bukarester Wohnblockwohnungen in die Hinterhöfe geblickt, ebenso still bemerkt, wie wenig Geld da war bei meinen rumänischen Freunden und ihren Familien, habe Menschen kennengelernt, denen weder die kommunistische Zeit noch die Wende gutgetan haben, sah die Schäden an Flora und Fauna, die vieler Jahrzehnte der Misswirtschaft und falschen Politik verursacht haben, ich habe die Kinder gesehen, die im Bukarester Untergrund lebten, und bin Straßen voller Schlaglöcher entlanggefahren. Aber – diese Straßen haben mich immer zu Freunden gebracht.
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Für mich war es also der ideale Zeitpunkt, um Rumänien kennenzulernen: denn als Teenager sind Geist und Herz selbst in Transformation, so wie die rumänische Gesellschaft der Zwanzigerjahre oder der Neunzigerjahre, sie justieren sich neu, und so blieben vor allem die wunderbaren Stunden am Schwarzen Meer in Erinnerung, unendlich lange Tage jugendlicher Freiheit mit Freunden. In Costinești habe ich diese kleinen frittierten Fische gegessen, Maiskolben aus den Kohlen, Melonen und Pufuleți geteilt, und ahnte noch nicht, dass dieser Ort auch einmal „Büffelbrunnen“ hieß. Ohne Rumänisch zu können habe ich bei Transsylvania Phoenix mitgesungen und habe auch nicht ganz verstanden, was es bedeutet, wenn die Mitglieder einer Band Namen tragen wie Nicu Covaci, Josef Kappl, Mircea Baniciu, Günther Reininger oder Béla Kamocsa. – Ich ahnte nicht, dass das in Rumänien etwas Besonderes war und doch etwas ganz Normales sein konnte.
Noch hatte ich auch nicht begriffen, dass es nicht ganz alltäglich war, einen römisch-katholischen Pfarrer aus der Moldau zu haben, so wie bei mir zuhause in der österreichischen Kleinstadt an der tschechischen Grenze; einen Rumänen, nicht orthodox, nicht uniert, nein: römisch. Ich begriff erst, als ich mich dem Land auch intellektuell zu nähern begann: Nicht orthodox, aber rumänisch sein, das ist noch so eine Sache, die gleichzeitig etwas Besonderes und etwas völlig Normales war und ist.
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So habe ich also vor mehr als zwei Jahrzehnten ein Land im radikalen Wandel kennengelernt, eine Hauptstadt, die sich die Wunden der Revolution leckte, eine Hauptstadt, die aber auch den Stolz vergangener Zeit trug, und heute weiß ich, dass beides wahr ist: einerseits das Bild des Molochs, der die Menschen wie ein Schwarzes Loch unwillkürlich anzieht und abstoßt, sie absorbiert und wieder ausspeit, so wie einst jene, „Wiedergänger der Habsburgtreue, die auferstehen und im Parlament in Bukarest sprechen“, wie es Octavian Goga 1923 formuliert hatte.
Hier zeichnet sich einer der großen Konflikte der Zwischenkriegszeit ab: die Regionalisten und die Zentralisten. Und wie wir am Beispiel des Siebenbürgers Goga sehen, muss die Einstellung zur Staatsverwaltung nicht unbedingt mit der regionalen Herkunft zu tun haben. Und wir sehen gerade an Gogas später Biografie, dass künstlerische Begabung und intellektuelles Vermögen nicht vor politischen Irrewegen schützen.
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Zwischen „Capșa“ und „Corso“ allerdings, da fand man auch das andere Bukarest, einen Ort der blühenden Kultur, einen Ort des Austausches, wo Kosmopoliten und Nationalisten, Kommunisten, Bürgerliche, Klerikale und Realisten für einen kurzen Moment eine gemeinsame Sprache gefunden hatten. Aus diesem Milieu stammten auch die einstigen Freunde Mircea und Mihail, die mich in diese Gesellschaft eingeführt haben, mit ihren Tagebüchern und Erinnerungen an diese Zeit. Die Zeit, als man die nationale Integration für gelungen hielt, man dem Staat und seiner Leistungsfähigkeit aber mit wachsender Skepsis begegnete. Eine Zeit, in der sich aber schon die ersten Anzeichen eines maßlosen Hooliganismus abzeichneten, jener Ideologie der Nicht-Ideologie, die Mircea, der – sie ahnen es – mit Nachnamen Eliade hieß, so treffend beschrieb:
„Die Existenz von Gesetzen ist für den Hooliganismus unabdingbar! Hooligans müssen Gesetze haben, die sie brechen können.“ Und: „Die Gründe für den Hooliganismus dieser Menschen befinden sich in einem akuten Zustand der Frustration. Sie alle sind zu irgendeinem Zeitpunkt gedemütigt worden oder haben gelitten.“
Warum sie litten und ihre Probleme mit Gewalt zu lösen versuchten, wie mir Mihai Sebastian eindrücklich geschildert hat, habe ich dann einige Jahre später zu verstehen versucht, als ich begann, mich mit dem Jahr 1918 und seinen Folgen für meine Dissertation auseinanderzusetzen. Mittlerweile hatte ich auch das „andere“ Rumänien kennengelernt, Siebenbürgen, Transsilvanien, Ardeal, das Land jenseits der Wälder mit seiner historischen Vielschichtigkeit, über die ich noch immer staunen kann.
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Ich hatte bald nach Beginn meines Studiums beschlossen, meine Rumänien-Affinität zu professionalisieren, mich neben dem Fach Geschichte auch auf der Romanistik in Wien eingeschrieben, wo man Sprache, Kultur und Literatur Rumäniens so intensiv wie kaum wo in Europa studieren kann. Und dann ging ich für ein Jahr nach Klausenburg, meine Frau studierte damals Ungarisch, so lag es nahe, die Babeș-Bolyai-Universität für den gemeinsamen Erasmus-Aufenthalt zu wählen. Wir fanden uns schnell zurecht, Cluj wurde zu einer Herzensstadt, die Babeș-Bolyai empfinde ich bis heute als eine akademische Heimat, meine zweite Alma Mater.
Bald erschloss ich mir, lesend und reisend, Siebenbürgen, Transilvania, Ardeal, Erdely. Nun erfuhr ich auch endlich, dass Costinești bei den Siebenbürger Sachsen sehr beliebt war und von ihnen „Büffelbrunnen“ genannt wurde. – Die Siebenbürger trauen sich also doch über die Berge, wenn es sein muss…
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Ich entdeckte nun endlich auch das deutsche Kulturerbe – meine Sachsen, meine Schwaben, meine Bukowiner, habe ich also erst später als meine Rumänen kennengelernt. Sie haben mich dann aber nicht mehr losgelassen, und so haben Sie mir neue Aspekte der rumänischen Geschichte erschlossen. Es waren, aus dieser Perspektive, und noch viel mehr aus der Perspektive der anderen Minderheiten, nicht immer die lichtesten Momente der rumänischen, aber auch der deutschen und der österreichischen Geschichte.
Alba Iulia, Karlsburg, den Ort, sah ich erst ein paar Jahre später. Umso mehr beeindruckt mich dieser lieu de mémoire, wenngleich ich dort – Sie mögen es mir verzeihen – zuerst eine Habsburgische Festungsanlage erkannte, in deren Schutz sich gleich eine ganze Reihe von Landmarken siebenbürgischer, rumänischer, zentraleuropäischer Geschichte dicht an dicht nebeneinanderdrängten. Die Deklaration vom 1. Dezember 1918 hat mich beeindruckt, sie wurde zur Grundlage meines Forschungsinteresses: Wie kam es, dass diese Vision nur zu einem Teil Realität wurde? Eine Vision, die zu ihren „grundlegende Prinzipien für die Gründung des neuen rumänischen Staates“, „volle nationale Freiheit für alle Völker des Landes“ und „die vollständige Errichtung eines rein demokratischen Regimes“ zählte und sich um Bauern und Arbeiter kümmern wollte?
Wie kam es, dass aus dieser Idee eines demokratischen, modernen, toleranten und vielfältigen Rumänien das Rumänien der Eisernen Garde, des Diktator-Königs, der Conducatoren wurde? Wohin führte der Kampf zwischen Alt- und Neurumänien, zwischen „Zentralisten“ und „Regionalisten“, zwischen „echten“ Rumänen und den – im besten Falle: „braven“ – Staatsbürgern?
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Die Zwanzigerjahre standen unter dem Stern dreier großer institutioneller Maßnahmen, die bis heute den Staat prägen:
– Die Zentralisierung stellte den Sieg der Liberalen rund um Ion Brătianus über die Nationaltzaranisten dar.
– Die Romanisierung aber wurde von den Rumänen Altrumäniens und Neurumäniens gleichermaßen begrüßt und traf vor allem die Minderheiten.
– Die Nationalisierung (Verstaatlichung) wiederum spaltete Rumänien entlang einer politischen Idee: wie stark soll dieser Staat in die öffentliche Sphäre eingreifen?
Die siebenbürgischen und bessarabischen Rumänen brachten hier einen ganz eigenen Erfahrungsschatz mit: Ihnen war es in Ungarn und in Russland als Minderheit ähnlich ergangen.
Ob es nun an dieser Vorgeschichte lag oder auch an anderen Faktoren: Staat und Volk blieben sich fremd, denn ein Staat mit schwachen Institutionen stellt kein vertrauenswürdiges Angebot an vernunftbegabte Bürger dar. Was blieb, war eine ‚frustrierende Beziehungslosigkeit‘ zwischen Staat und Bürger einerseits und andererseits vor allem der Nationsgedanke, der die Rumänen zusammenhielt. In dieser Konstellation mit seiner grausamen Logik war jedoch kein guter Platz für Minderheiten.
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Das Ende des ersten „großrumänischen“ Jahrzehnts war bekanntlich von einem Sieg der Opposition gekennzeichnet: alle Hoffnungen waren auf die „Erlöser“ aus Siebenbürgen gerichtet, die die National-Tzaranisten anführten. Weltwirtschaftskrise und parteiinterne Zerwürfnisse aber führten dazu, dass 1933 jede Hoffnung auf eine politische Wende verloren war.
Der Weg für Autoritarismus, Faschismus, Kommunismus war bereitet, es folgte eine keineswegs natürliche Trennung Europas in „Ost“ und „West“. Noch Jahrzehnte später habe ich als Kind auf die Wachtürme der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik geschaut, Richtung Norden und Osten war dort unsere Welt zu Ende.
Aber der Eiserne Vorhang ist Geschichte. Meine Generation hat enorm profitiert von dieser Entwicklung, unser Horizont hat sich erweitert, räumlich und kulturell; auch die Wirtschaft hat enorm von der „Ostöffnung“ profitiert. Genau deswegen wäre es ungerecht, 40 Jahre Kommunismus-Erfahrung zu ignorieren. Umso wichtiger ist es, die historischen Umstände, die Rumänien seit 1918 geprägt haben und bis heute prägen, auch im sogenannten „Westen“ zu erzählen. Nur so wird man verstehen, wie zart das Pflänzchen der Demokratie ist, vor 100 Jahren, heute, in Rumänien, in Europa. Und wie sehr wir alle gemeinsam darauf aufpassen müssen.
Darum werden sich die Europäer am Umgang miteinander und besonders mit ihren „zurückgekehrten“ Freunden messen lassen müssen, an der Fähigkeit, gegenseitige Empathie für andere historische Prägungen zu entwickeln. Rumäniens Wille wird sich wiederum auch an seinem Umgang mit den Minderheiten zeigen. Leider mag vieles von dem, was heute passiert, an die Zwischenkriegszeit erinnern, wenn wir an die Verrohung des politischen Diskurses denken, an die entweihten Wände von Elie Wiesels Geburtshaus in Sighet, an manche Plakate der Demonstranten, aber auch an die Facebook-Timelines mancher Politiker.
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Und doch sind es völlig andere Voraussetzungen als in der Zwischenkriegszeit. Wir bauen nicht auf den Trümmern eines Kriegs auf, sondern auf einem, sicher schwierig zu erreichenden, gemeinsamen Ideal. Ein Ideal, dessen praktische Umsetzung mich vor über zwei Jahrzehnten mit Rumänien verbunden hat, mit dem Rumänien diesseits und dem Rumänien jenseits der Karpaten, mit seinen unterschiedlichen kulturellen und historischen Prägungen, die dieses Land, so meine ich, besonders stark machen können.
In unserer gemeinsamen Geschichte vor und nach „Alba Iulia“, dem 1.12.1918, kennen wir zahlreiche Beispiele gelungener Koexistenz und friedlicher Kooperation, meist auf lokaler Ebene, fernab der weltpolitischen Diskurse: Wir müssen diese Momente festhalten, das sind wir als Wissenschaftler und Menschen unserer gemeinsamen europäischen Zukunft schuldig.
Sehr geehrte Damen und Herren, danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Observatorul Cultural, Nr. 941, 11-17.10.2018, Jg. XIX, seria nouă (683)

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